Moderations-Fallen Teil II

02.06.2022 – Eigentlich weißt du das alles… ich sortiere für dich nur nochmal die häufigsten Moderationsfallen. Das sind Moderationseinstiege oder -arten, die Hörer ausschließen oder unprofessionell klingen. Solche Moderationen können dir im Weg stehen, wenn es darum geht, eine (noch stärkere) Persönlichkeit zu werden, für die Hörer einen Sender einschalten.

Teil 1 kann hier nachgelesen werden.

9. Die Bilder Falle 

Radio ist Kino im Kopf. Stimmt. Falsch verstanden, nervt das „Kopfkino“ allerdings und hat mit modernem Radio nichts mehr zu tun.

Ich bin überzeugt: Kopfkino und Bilder entstehen bei einer guten Moderation automatisch. Z.B. wenn eine Moderatorin erzählt, dass sie dieses Jahr einen faulen Entspannungsurlaub am Meer in einem All-Inclusive-Hotel gemacht und in zwei Wochen fünf Kilo zugenommen hat, weil es den ganzen Tag überall Essen gab und die Drinks immer sehr lecker waren. Jeder Hörer kann sich dabei sein eigenes Bild machen.

Was ich persönlich als Belästigung empfinde, ist das Aufdrängen von Bildern nach dem Motto: „Stellen Sie sich vor – ein zehn Meter langes Buffet mit Fisch, Fleisch, Nudeln, Salaten und allein drei Meter Desserts. Schüsseln voller Mousse au Chocolat, Puddings in allen möglichen Farben und Geschmacksvarianten, jede Menge Kuchen, dazu zehn verschiedene Käsesorten und hinter den Buffets nette, adrette Kellner in weißen Anzügen…“.

Überflüssig! Die Magie von Radio ist doch, dass jeder Hörer sein eigenes Bild entstehen lassen kann.

Moderatorinnen können oft ein Lied davon singen, dass Hörer sich am liebsten ihr eigenes Bild machen: wie oft wurde die kleine Dunkelhaarige für eine Blondine mit Model-Figur gehalten (ich spreche da aus eigener Erfahrung…).

10. Die Ignoranz Falle

Auch das habe ich schon oft erlebt: Über Nacht ist etwas Wichtiges passiert und weil die Moderatoren natürlich nicht darauf vorbereitet sein können, ignorieren sie das Ereignis und ziehen ihr vorbereitetes Programm durch. Ein No-Go. Egal, worum es geht: Tagesaktualitäten abzubilden ist die Aufgabe eines Radiosenders. Und wenn du gerade gar nicht weißt, wie du mit dieser schrecklichen, schweren Massen-Karambolage auf der A10 oder dem Attentat in der Hauptstadt umgehen sollst, greife zu Trick 17: Newsteaser – dasThema in wenigen kurzen Sätzen aufgreifen und auf die nächsten Nachrichten teasen.

11. Die Gießkannen Falle

Den Hörer in seinem Tagesteil abzuholen und zu spiegeln ist auch taktisch wichtig, um dem MA Modus (erinnerungsbasierte Abfrage der Tätigkeiten des Vortages in Verbindung mit Mediennutzung) zu entsprechen. Mehrere tagesteilbezogene Tätigkeiten in eine einzige Moderation zu pressen, um scheinbar mehr Hörer direkt anzusprechen, ist allerdings kontraproduktiv. Da wir sowieso nie alle Hörer erreichen, sondern immer nur Teilmengen, richtet die „Gießkannen-Version“ mehr Schaden an, als sie Nutzen produziert, denn sie führt die Idee der 1-zu-1-Kommunikation ad absurdum.

Auch wenn mehrere Menschen zusammen in einem Raum sind, wird Radio immer von einer Person allein gehört.

Egal, ob man als Moderator mit einhundert oder einer Million spricht, jeder Hörer sollte das Gefühl haben, die Worte sind direkt an ihn gerichtet“

Geller 2011: S. 20.

12. Die Schleifen Falle

Der Tod einer jeden guten Moderation sind Umleitungen, Umwege und Seitenstraßen. Wie mehrfach auch in dieser Kolumne beschrieben, haben wir nur ca. 15 Worte (acht Sekunden), um die Aufmerksamkeit eines Hörers für ein Thema zu gewinnen. Also: direkt zum Thema zu kommen und genau bei diesem einen Thema zu bleiben ist ein Basic-Skill, den Profis beherrschen sollten. In einer Co-Moderation heißt das für den Co-Star oder den jeweiligen Moderator in der „Zuhörer-Rolle”: keine Fragen stellen oder Zwischenbemerkungen machen, die vom eigentlichen Thema wegführen. Oder – um die amerikanischen Kollegen zu zitieren: „Don‘t bring me around the block, if I wanna cross the street.“

13. Die Kreativ-Falle

Ich liebe kreative Moderatoren. Vor allem dann, wenn die Kreativität dem Break nützt. Programmchefs allerdings mögen nicht: kreative Moderationen, die nur der Selbstverwirklichung des Hosts diesen und kreativ um der Kreativität willen sind, aber nicht kreativ um der Senderziele willen. Die Frage bei jeder kreativen Idee ist:

A., nützt diese kreative Idee dem Break?

Oder B, unterhält sie den Hörer?

Oder C, verstärkt sie die Kommunikation eines Senderzieles, weil ich z.B. durch eine super Idee die Abwechslung in der Musik besonders gut verkaufe oder mit einer wirklich guten Idee auf ein Highlight der Morgenshow tease?

Trifft keiner der drei Punkte zu, ist auch hier weniger mehr. Es tut weh, sich von Ideen zu trennen. Jedoch gilt auch hier „Kill your darlings“ (http://www.talkingsquid.net/archives/32).

„Kill your darlings“ war der Rat des Literaturnobelpreisträgers William Faulkner für Autoren und Filmemacher, mit dem er empfiehlt, die Ideen, in die man sich am meisten verliebt hat, als erstes zu opfern, denn diese seien meist die schlechtesten.

14. Die Überleitungsfalle

Aus einer Tagessendung eines landesweiten Radiosenders:

„Nach dem Dauerregen steigen die Pegelstände der Flüsse im Land. Machen Sie sich nicht nass! Wir steigern den Pegelstand der Geldscheine in Ihrer Brieftasche mit unserem Spiel 10.000 Euro für 10“.

Aua.

Auch wenn das ein besonders extremes Beispiel war: in 90 Prozent aller Fälle sind Überleitungen albern, klingen „krampfig“ und nicht authentisch. Ausnahmen bestätigen zwar immer die Regel und wer eine wirkliche super Idee für eine Überleitung hat, soll sie machen.

Auch gerne genommen und nicht minder peinlich sind Überleitungen zu englischen Songs (siehe auch Punkt 15). Obwohl ich dachte, die tragische Hintergrundstory zum Hit „I don’t like Mondays“ – der Amoklauf einer amerikanischen Schülerin – wäre mittlerweile 100 Prozent aller deutschen Radiomoderatoren bekannt, höre ich doch jedes Jahr mindestens einmal den Dreh: „schon wieder so ein anstrengender Montag. Für alle, die das genauso sehen, hier der Song zum Wochenstart – die Boomtown Rats mit ‚I don’t like Mondays‘“. (Wer die Story zum Song nicht kennt, gerne hier nachlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/I_Don%E2%80%99t_Like_Mondays)

15. Die Übersetzungsfalle

Mit Übersetzungen Drehs zu Songs zu finden ist meistens albern. Siehe „die Überleitungsfalle“. Diese Spielereien klingen oft krampfhaft, unnatürlich und wenig sympathisch. Und oftmals tappen weniger erfahrene Moderatoren auch in Inhaltsfallen wie beim o.g. Beispiel der Boomtown Rats. Gerne irrtümlich hergestellte Verbindungen sind auch die Drehs zum Thema „Schnee“ beim Song „Snow“ von RHCP oder der fälschlich als allgemeines Geburtstagslied missverstandene Song „Happy Birthday“ von Stevie Wonder. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Besonders albern wird es aber bei Geschichten wie dieser kürzlich gehörten: „…. sie sieht einfach zum Anbeißen süß aus. Süß wird es jetzt auch bei Robbie Williams, er besingt ‚Candy‘“… aua…

Die bessere Variante als eine Überleitung mit einer albernen Übersetzung ist nach meiner Erfahrung immer die Version „Punkt, Pause, neues Thema“. Heißt: Thema Nummer Eins beenden, einen deutlichen Punkt setzen und damit den Sinnabschnitt akustisch beenden. Dann eine Pause machen – gerne eine längere – und dann ohne Überleitung oder Übersetzung ganz einfach zum nächsten Thema. Oder Trick 17: Zeit und Sender-ID statt Überleitung – so kommst du elegant von A nach B!

16. Die „Passt-schon“- Falle

Augen auf bei der Berufswahl.

Es passt nie. Keine Sendung ist perfekt. Das ist das Brutale an dem Beruf des Radio-Moderators, aber auch die Herausforderung: es jeden Tag noch ein bisschen besser machen zu wollen.

Dieses Quäntchen mehr Tag für Tag rausholen zu wollen, macht die Großen der Branche aus. Sie haben nie aufgehört, sich in Frage zu stellen, an sich zu arbeiten und sich Feedback zu holen, um auch noch an den kleinsten Stellschräubchen zu drehen. Viele namhafte Kollegen, mit denen ich arbeiten darf (einige davon haben Deutschen Radioipreis als beste ihrer Kategoroe gewonnen) gehören zu diesen Großen, die regelmäßig an sich arbeiten und immer noch ein bisschen besser werden oder noch einen neuen Skill dazulernen wollen.

Der einfachste und preiswerteste Weg, Dinge besser zu machen ist, sich jeden Tag seine Show anzuhören. Und dann zu prüfen: wo klang ich wirklich gut? Was hat es ausgemacht, dass der Break gut klang, gut „rüber“ kam, inhaltlich klasse war, die Länge getragen hat, „gelebt“ hat etc.?

Und dann versucht man am besten, dieses Gefühl, diese Herangehensweise zu reproduzieren! Ich bin überzeugt, wer sich selbst regelmäßig kontrolliert, kann schnell ein Top-Moderator werden.

In diesem Sinne: viel Spaß auf dem Weg zum Top-Moderator und wenn du schon einer bist – viel Spaß dabei, dich immer weiter zu verbessern.

Deine
Yvonne Malak

Erschienen am 02. Juni 2022 auf www.radiowoche.de.