Bist du schon Personality oder noch Moderator/in?

01.09.2022 – 

Großes Radio stellt echte Beziehungen her und eine echte Beziehung braucht echte Menschen on Air. Menschen, die Spaß an der Musik haben, die der Sender sorgfältigst researched hat. Übertragungswege ändern sich, Freundschaft nicht.

Matt Bailey, im „TheSandsReport“

Du lernst das Geheimnis dieses Geschäfts und es lautet, es gibt kein Geheimnis. Sei du selbst.

Larry King in „Tools der Mentoren“

Kein anderer Begriff wird so oft durchs Dorf getrieben wie der der „Personality“. Aber was ist eigentlich eine „Personality“? Was unterscheidet den „Moderator“, die „Moderatorin“ von der „Personality“?

Zunächst mal ist eine Personality – wie das Wort schon sagt – persönlich, also transparent. Und natürlich hat sie alle Eigenschaften, die einen sehr guten Moderator oder eine sehr gute Moderatorin ausmachen (siehe hier)

In einem Interview mit Late-Night-Talk-Legende Jimmy Kimmel sagte der amerikanische Über-Moderator Ryan Seacrest (jeden Morgen Live-TV in New York, anschließend vier Stunden Live-Radio aus NYC für L.A., ausgestrahlt auf 160 Stationen, dazu Voicetrack für Tagesschienen weltweit, jede Woche drei Stunden die weltweit ausgestrahlte Chartshow ‚American Top 40‘, saisonal live im TV mit ‚American Idol‘ sowie seit fast zwei Jahrzehnten Host der Sylvestershow auf dem New Yorker Times Square), das was ihm am Anfang am meisten Angst bei der Arbeitsbelastung gemacht hätte, wäre gewesen, dass er Sorge hatte, kein Leben mehr zu haben, aus dem er erzählen kann…

Ryan Seacrest ist in den USA also ein Superstar und verdient mehr Geld als so mancher Top-Schauspieler. Sein Geheimnis: Er gibt seinen Hörern das Gefühl, einer von ihnen zu sein. Dazu eine Anekdote, die der CEO von iHeartMedia (die Muttergesellschaft der Radiosender für die Seacrest arbeitet) auf den Radio Days 2019 in Lausanne erzählt hat:

Ryan ist mit einigen Juroren seiner TV-Show „American Idol“ auf der Straße unterwegs. Da laufen also Katy Perry, Lionel Richie und Ryan Seacrest irgendwo in L.A. die Straße entlang. Fans erkennen die drei, sprechen sie an und fragen nach einem Foto. Ein Fan stellt sich zwischen Katy Perry und Lionel Richie und drückt Ryan Seacrest sein Smartphone in die Hand… „Bitte Ryan, schieß ein Foto von uns“. Ein Foto ohne einen der bekanntesten (TV-) Moderatoren der USA… War Ryan beleidigt? Im Gegenteil! Der Fan hat ihn als „einen von uns“ gesehen. DAS ist eine Radio-Personality. Ein Star, der seinen Hörern das Gefühl gibt, auf Augenhöhe mit ihnen zu sein und deren Sorgen und Nöte zu verstehen und zu teilen.

Die wirklich großen Radio- und TV-Hosts haben außerdem folgende Gemeinsamkeiten: Sie sind intelligent, belesen und finden immer den richtigen Ton. Seacrest schafft es, ein krebskrankes Mädchen in seiner Morgenshow zu interviewen und dabei genau den richtigen Ton zu treffen oder seinen Hörern mit wenigen Worten das Gefühl zu geben, dass er in Krisen (z.B. beim ersten Corona-Lockdown in den USA) wirklich ein Begleiter ist, der genau dieselben Ängste und Sorgen hat, wie die Menschen die ihm zuhören. Dabei zieht er das Publikum nie runter!

Ein super Beispiel für gekonnte Personality-Moderation aus dem Unterhaltungs-TV-Bereich sind die Moderatoren des SAT 1 Frühstücksfernsehens, die mich bei der Zusammenarbeit sehr beeindruckt haben. Gerade heute (wir haben den 18.8.) habe ich Marlene Lufen und Daniel Boschmann am Morgen bei SAT 1 gesehen. Diese beiden treffen z.B. immer den richtigen Ton für ihre Zielgruppe – in ihren Interviews und ihren Personality-Talks (Thema heute u.a.: Gendern). Fürs Protokoll: das können die ganz ohne redaktionelle Unterstützung !!! – weil sie wissen, wer ihre Zielgruppe ist, weil sie ein Gefühl für ihre Zuschauer haben und dabei nie in einer Blase leben, weil sie sich für alle aktuellen Themen interessieren, sich damit auskennen, nie belehren und dabei immer sie selbst sind. Natürlich teilen die beiden auch viel aus ihrem Leben, sind transparent, schaffen damit Identifikationspotential und Verbundenheit. Diese Verbundenheit wiederum führt dazu, dass ein Sender auch für dich – den Moderator, die Moderatorin – eingeschaltet wird. DAS ist dann eine Personality.

Wenn du willst, dass deine Hörer deinem Sender treu sind, musst du ihnen als Mensch etwas bedeuten

Tracy Johnson in „Morning Radio – Revisited”

Dieses Gefühl der Verbundenheit herzustellen, funktioniert im Radio wie im TV (oder auf der Bühne, siehe hier): über transparente persönliche Geschichten.

Diese Transparenz und dieses Spiegeln der Lebenswelt der Hörer führt dann zum Freunde-Faktor.

Hast du Freunde über die du nichts weißt? Vermutlich nicht. Du weißt von deinen Freunden, was diese beruflich machen, ob die Ehe gut oder weniger gut läuft, ob es mit den Kindern Ärger gibt und wenn ja, welchen, welche Hobbys diese haben, ob sie gerade eine Diät machen, wie es mit dem Hausbau läuft, dass das Auto gerade den Geist aufgegeben hat und vieles, vieles mehr. Vor allem weißt du von deinen guten Freunden, was diese über die großen Themen des Lebens denken, welche Ängste sie bewegen, ob sie gläubig sind, worüber sie sich freuen und vielleicht sogar, was sie zum Weinen bringt oder ob sie eine Schönheits-OP planen etc.

Du bist eine Marke. Ob es dir gefällt oder nicht. Dabei kommt es nicht darauf an, was du wirklich bist oder sein willst. Das Einzige, was zählt ist, was deine Hörer über dich denken

Tracy Johnson in „Morning- Radio. A Guide to Developing On Air Superstars“

Personality heißt dagegen nicht: einfach drauflos zu reden, beleidigen, schimpfen oder mit Hörern Gespräche „unter zwei“ zu führen, die alle anderen ausschließen. Und Personality heißt schon gar nicht, sich über die Hörer zu stellen. Eine Personality respektiert ihre Hörer – und vor allem, die Zeit, die sie ihm widmen! Sie kommt zum Punkt und weiß immer, wohin eine Geschichte führen soll.

Wenn man als Moderator eine Personality werden will, muss man aber zuallererst der Freund bzw. die Freundin des Hörers bzw. der Hörerin werden. Und das geht nur über Transparenz – aber bitte nicht alles auf einmal, sondern schön der Reihe nach.

Ein hervorragendes Beispiel für die Einführung von Figuren sind TV-Serien wie „The Big Bang Theory“ oder „The Westwing“, letztere geschrieben von dem begnadeten Story-Teller Aaron Sorkin. In „The Westwing“ ist der Präsident (gespielt übrigens von Martin Sheen) zunächst „nur“ ein Politiker, ein sympathischer wohlgemerkt. Die nächste Facette, die kommuniziert wird, ist seine Rolle als Vater einer Teenager-Tochter. Einige Folgen später ergänzt um die Rolle des Ehemannes. Erst viele Folgen später ist er auch ein Mann mit einer schweren Krankheit, der plötzlich im Oval Office, dem Zentrum der Macht, einen Schwächeanfall bekommt und stürzt – hier wird also eine schwache Seite seiner Persönlichkeit kommuniziert. Wieder einige Folgen später, ist er gläubiger Christ, der einen großen Fehler macht und Gott um Vergebung bittet – ein Scheitern.

Dies ist ein Paradebeispiel für die Einführung eines Charakters: erst das Offensichtliche, dann eine Facette aus der Lebenswelt vieler Zuschauer (Vater), eine weitere „alltägliche“ Facette (Ehemann). Erst später eine schwache Seite und noch einige Folgen später dann eine verletzliche Seite und ein erstes Scheitern.

Ich hoffe, durch dieses Beispiel wird klar, dass ein geplantes Vorgehen bei der Einführung von Charakteren (z.B. in der Morgenshow) oder deiner Personality zielführender ist als ungeplantes Drauflos-Reden. Oder um es mit Antoine de Saint-Exupéry zu sagen: „Ein Ziel ohne Plan ist nur ein Wunsch“.

In diesem Sinne: viel Spaß bei der Entwicklung deiner On-Air-Personality,
deine
Yvonne

Erschienen am 01. September 2022 auf www.radiowoche.de.

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