Von Lebensweisheit bis Konflikt – die PIEHSEL WUSK – Theorie, Teil 2

01.09.2018 – Persönliche Geschichten, Imperfektion, Emotion, viele Hörer on air, Spannungsbögen über Tage oder Wochen, Empathie, Lebensweisheit, interessante Weiterdrehs der Themen, Einbeziehung des Umfeldes, Verlängern der Themen in die Sozialen Medien und die bewusste Suche nach Konflikten – diese Gemeinsamkeiten zeichnen die größten Morgenshows der Welt aus. Ich habe das in dem Kunstwort PIEHSEL WUSK zusammengefasst… Die ersten sechs Buchstabe bis E wie Emotion habe ich im vergangenen Monat hier beschrieben. Fehlen noch L bis K…

L wie Lebensweisheit
Um ein großer Moderator zu werden, braucht es mehr als eine gute Stimme und die Gabe, einfach drauflos reden zu können… Große Moderatoren haben immer auch eine umfassende Allgemeinbildung, sind belesen, können zu allen etwas sagen und haben diese gewisse Lebensweisheit. Ein großer Moderator kann mit jeder Situation souverän umgehen und wirkt dabei nie peinlich oder „platt“. Mein Gefühl, wenn ich die großen Engländer, Amerikaner oder Australier höre: diese Leute sind top auf dem Laufenden über das aktuelle (politische) Geschehen, haben mehr als ein Buch gelesen und sich auch mal über den Tellerrand des Mediengeschehens hinaus mit Themen wie z.B. Philosophie beschäftigt. Dadurch haben sie zu jeder Situation eine Art „Lebensweisheit“ parat, die den Betroffenen abholt, tröstet, nach vorne blicken lässt. Mit anderen Worten: sie strahlen durch diese Lebensweisheit eine gewisse Wärme aus und wirken dadurch wie ein guter Freund.

 W wie Weiterdrehs
Das Beispiel von Danielle Monaro’s (Z100) Brustverkleinerung habe ich letzten Monat bereits erwähnt.  Der Weiterdreh dazu war aber so gut, dass ich ihn über eine Woche mehrfach in der Morgenshow gehört habe. Nachdem Danielle gestanden hat, dass sie sich wegen ständiger Rückenschmerzen die Brust verkleinern hat lassen, frage der Sender Hörerinnen: „Are you happy with your cupsize?“.  Welch genialer Weitedreh eines Aufhängers, um Anruferinnen on air über ihre Körbchengröße etc. sprechen zu lassen…

U wie Umfeld
Was wäre TBBT ohne die Mütter von Sheldon und Leonard? Das Umfeld verfeinert einen Charakter, lässt Zuschauer und Hörer mehr über ihn erfahren, offenbart auch Schwächen (siehe I wie Imperfektion) und ermöglicht Weiterdrehs, Spannungsbögen und neue Aspekte zu Themen, wie hier: die Morgenmoderatorin Sisanie ist nach der Geburt ihrer Zwillinge Zuhause und ihr Mann erzählt dem Host, wie es ihr geht:

 S wie Soziale Medien
Ich erwähnte bereits letzten Monat „Augen auf bei der Berufswahl“ unter P wie Persönliches. Dasselbe gilt auch für das Verlängern von Themen und des Lebens in die sozialen Medien. Siehe die eben erwähnten Zwillinge von Sisanie:

Arno Müller schreibt in meinem Buch Erfolgreich Radio machen : „Die Menschen lieben nicht Stimmen, sie lieben reale Personen“.

Wo lässt sich das reale Leben einer Radio-Personality besser abbilden als in den sozialen Medien? Wem das zu privat ist: niemand wird gezwungen am Mikro zu arbeiten – es gibt auch spannende Jobs im Hintergrund.

K wie  Konflikt
Reibung erzeugt Spannung. Spannung erzeugt Gesprächsstoff. Gesprächsstoff erzeugt Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit bringt PR. PR bringt neue potentielle Hörer.

Große Moderatoren (und ihre Redaktionsteams) suchen den Konflikt. Das ist ja einer der Vorteile einer Morgensendung – verschiedene Charaktere können  verschiedene Haltungen abbilden, unterschiedliche Hörergruppen abholen und damit große Teile der Hörerschaft spiegeln.

Ja, es ist schwer, all das zu berücksichtigen. Ja, viele Morgenshow- Moderatoren haben kaum Unterstützung von außen. Ja, das frühe Aufstehen nervt. Und ja: das Umfeld eines Morgenshow-Moderators muss oft viel aushalten („waaas, deine Frau hat sich die Brüste verkleinern lassen???“). Aber: nur wer all das über Jahre meistert und dabei immer weiter wächst, wird das, was viele wollen aber nur wenige schaffen: ein Star!

Viel Erfolg dabei,

Ihre
Yvonne Malak

Erschienen am 01. September 2018 auf www.radiowoche.de.