Wer will schon angeschrien werden?

radioWOCHE

01.02.2015 – Neulich in meinem liebsten CHR Format: tolle Musik, guter Programmfluss, knackige Breaks, dann ein Pay Off. Die Stimme der Moderatorin verfällt ins Kieksen und weil die Moderatorin sooo begeistert von dem Preis ist, den sie verlosen darf, wird ihre Stimme seeehr laut. Als Hörer habe ich das Gefühl, ich werde angebrüllt. Ich schalte um.

Nächster Sender, junges Format, ähnliches Phänomen: die coolen, hippen, jungen Moderatoren sprechen schnell, klingen aufgedreht und die Stimmen sind allesamt weit weg von ihrer bestmöglichen Tonlage – ihrem Eigenton.

Aber niemand möchte aus dem Radio angeschrien werden. Und es wäre wirklich erstaunlich, wenn plötzlich schnell sprechende Kieksstimmen von einer Mehrheit der Hörer favorisiert würden. Das Gegenteil ist der Fall – in allen Altersgruppen.

Profi-Redner machen es vor. Sie sprechen langsam, deutlich und in der für sie optimalen Tonlage – dem sogenannten „Eigenton“. Sie setzen Pausen und arbeiten mit ihrer Stimme. Natürlich macht erst die Variation einen guten Moderator aus und als Effekt kann man auch mal kurz laut werden, schnell sprechen oder ins „Kieksige“ verfallen. Als Daueransprechhaltung ist das alles sicher keine gute Idee. Manchmal habe ich aber den Eindruck, dass Macher junger Formate denken, ihre Hörer lieben eine hektische und überdrehte Ansprache.. Vielleicht gibt es ja eine kleine Anzahl von Radionutzern, die das mag – das ist aber vermutlich eine sehr enge, kleine Zielgruppe.

Meine Erfahrungen dazu decken sich mit wissenschaftlichen Untersuchungen und den Ergebnissen verschiedener Fokusgruppen und Marktforschungen:

  1. Tiefe Stimmen sind die Favoriten der Hörer. Egal ob männlich oder weiblich. Je tiefer, desto beliebter.
  2. Auch junge Hörer wollen ruhig und in einem normalen Sprechtempo angesprochen werden.
  3. Wer kiekst, wird nicht ernst genommen.
  4. Die Stimme ist wie ein Instrument mit vielen Facetten.
    Und last but not least:
  5. Die Power für eine kräftige, dynamische Stimme holt man aus dem Bauch statt sie über Lautstärke zu produzieren.

Kontrolliert und auf Eigenton zu moderieren, hat nichts mit Kraftlosigkeit oder Zurückhaltung zu tun. Man kann auch ruhig UND dynamisch moderieren.

Kennen Sie Jameela Jamil? Die Moderatorin präsentiert sonntagabends die Chartshow auf BBC, Radio1. Laut BBC Direktorin Helen Broaden (bei den RDE 2014 in Dublin) wurde diese Show eigens programmiert, um junge Menschen am Sonntagabend wieder „zurück ans Radio“ zu holen. Eine Show für junge Menschen mit einer 28jährigen Moderatorin, den aktuellen Hits, Telefonaten mit Stars und das alles, ohne zu kieksen, laut zu werden oder gar dem Hörer das Gefühl zu geben, er wird angebrüllt.

Wer vor Publikum ein Instrument spielt, beherrscht es (meistens). Wer mit seiner Stimme zig- bzw. hunderttausende Hörer unterhalten möchte, sollte dieses Instrument genauso beherrschen. Die Stimme vor jedem Break zu kontrollieren und nicht nur zu überlegen oder gar auszuprobieren, was man sagen möchte, sondern vor allem wie man es rüberbringen möchte, hilft garantiert, überzeugender zu klingen und sympathisch zu wirken.

Sich jeden Tag jeden Break nach der Show anzuhören, ist natürlich für Moderatoren sowieso Standard. Denn nur so hört man, wann ein Break gut klang und schafft es, die Umstände dieses guten Sounds in der nächsten Sendung zu reproduzieren.

Ein besserer Umgang mit der Stimme und deren Eigenton, ein kontrolliertes Sprechtempo mit Pausen und eine gute, angenehme Sprechlautstärke sind gar nicht so schwer hinzukriegen – wenn man erst mal angefangen hat, darauf zu achten. Natürlich jeden Tag.

Viel Spaß und Erfolg dabei!
Ihre
Yvonne Malak

Erschienen am 01. Februar 2015 auf www.radiowoche.de.