„Personalities“ – viel heiße Luft um wenig Inhalt?

radioWOCHE

03.06.2012 – „Personalities“ im Radio – in meinem beruflichen Umfeld ein Thema, über das gerade viel geredet wird. Und weil nur wenige Begriffe im Bereich Hörfunk so gerne missbraucht und falsch verstanden werden wie dieser, möchte ich mich heute den echten und scheinbaren Personalities im Radio widmen.

Um es gleich vorwegzusagen: Ich habe höchsten Respekt vor diesen Moderatoren. Moderatoren, die sich meistens ganz schön weit aus dem Fenster lehnen, viel von sich preisgeben, sich etwas trauen, etwas riskieren. Den Mut muss man erst mal haben! Und viele von denen sind verdammt gut.

Einige Moderatoren in Deutschland werden für mein Verständnis von Radio aber nicht nachvollziehbar als Personality“ gehypt und genießen deshalb Freiheiten, die manchmal in Unhöflichkeit dem Hörer gegenüber ausarten.

Den Hype veranstalten übrigens eher die Insider, weniger die Hörer. Vielleicht weil man als Radioschaffender neidisch ist auf die, die keine Grenzen kennen und beachten müssen? Für meine Ohren führt dieses Nicht-Beachten von Grenzen aber gerne auch dazu, dass mit unüberlegtem Gerede gerne mal die Zigtausenden Hörer, die der Sender über den Morgen oder den Tag aufgebaut hat, in wenigen Sendestunden verärgert bis vergrault werden. Einen Hörer, der einmal abgeschaltet hat und zu einem anderen Sender gewechselt ist, muss man als Sender ja auch erst mal wieder zurückgewinnen. Und uninteressantes, langatmiges Gerede im Radio ist – neben der falschen Musik – der Abschaltgrund Nummer 1. Und der Senderknopf von Sender A, bei dem sich eine „Personality“ um Kopf und Kragen redet zu Sender B, auf dem gerade der aktuelle Hit von Gotye läuft, ist schnell gedrückt.

Die Hörer schenken uns etwas Wertvolles: ihre Zeit. Respektlos finde ich, in dieser Zeit wild und unüberlegt vor sich hinzulabern, Standards wie Service durch vermeintliche „Personality“ zu verhunzen (ich meine, ein Hörer, der Verkehrsservice hört, will wissen, wo Staus und Blitzer sind und nicht mehr und nicht weniger) oder den Hörer mit meinem ganz persönlichen Musikgeschmack zu „belästigen“ oder auch Songs einfach nach 60 Sekunden abzubrechen, weil man als „Personality“ keine Lust hatte, auf ein vernünftiges Backtiming zu achten.

Was ist eigentlich eine „Personality“?

Meine Definition: Eine „Personality“ ist jemand, für den man einen Sender einschaltet. Jemand, der es schafft, persönliche Geschichten so zu erzählen, dass die Hörer sich in ihrer eigenen Lebenswelt angesprochen und abgeholt fühlen. Idealerweise ist dieser „Personality“ dabei auch noch überwiegend sympathisch, polarisiert in einem gesunden Maße (klar, ohne geht es nicht! Wer nur „nett“ ist, kann nur wenig Profil aufbauen) und hat bei allem, was er tut, die Unterhaltung der Hörer zum Ziel.

Unterhaltung der Hörer – darum geht es bei allem, was wir im Radio tun! Viele machen das super! Erst kürzlich im Süden der Republik wieder echte Höhepunkte an Personality-Moderationen gehört (dort scheint es ein Nest mit wirklich guten dieser „Personalities“ zu geben …).

Aber nur, weil man ungeniert vor sich hinlabert und Hörer mit uninteressanten Details aus seinem Leben belästigt, ist man aber noch lange keine „Personality“. Auch Lautstärke der Moderation, hohe Sprechgeschwindigkeit und Länge der Breaks sind (zumindest für mich) kein Kriterium. Da wird sich ja gerne mal rausgeredet („Aber der/die ist dafür eine echte Personality“).
Kürzlich gehört: Eine dieser vermeintlichen „Personalities“ erzählt mir haarklein und in epischer Breite, was er den Tag über an Lebensmitteln zu sich genommen hat. Ja, eine Radio-Persönlichkeit soll mich an ihrem Leben teilhaben lassen, Erlebnisse mit mir teilen und Themen aus der Lebenswelt der Hörer aufgreifen“.

Vor jedem Break sollte sich jeder Moderator aber auch fragen: Be-TRIFFT dieses Thema in seiner Aufbereitung einen großen Teil meiner Hörer, also hat es an diesem Tag zu dieser Zeit in dieser Länge eine echte RELEVANZ? Interessiert mein Dreh der Geschichte? Biete ich den Hörern hier etwas Sympathisches zum Andocken an mich an? Oder bietet dieses Thema wenigstes einen echten Unterhaltungswert (oder einen Mehrwert in Form einer besonderen Info oder eines besonderen Drehs)?

Trifft nichts davon zu, würde der Moderator seinen Hörern einen Gefallen tun, wenn er entweder die Klappe halten oder wenigstens diesen Break noch mal neu überdenken würde.

Beim Thema „Radiopersonalities“ wird auch oft auf die polarisierende, „krawallige“ Art von Howard Stern hingewiesen. Erinnern Sie sich aber, wie er angefangen hat und überhaupt erst zu einer Persönlichkeit wurde: mit Geschichten aus seinem Leben. Von seiner Frau, ihrer Schwangerschaft, ihrer Fehlgeburt – eben mit den ganz „normalen“ Geschichten, die das Leben schreibt. Ich finde, man muss nicht „politisch unkorrekt“ sein oder gar Minderheiten beschimpfen, um eine herausragende Personality zu sein.
Ich achte alle Moderatoren, die sich etwas trauen und auch mal andere Wege gehen. Respekt vor dem Hörer (und dessen Zeit!) gehört aber für mich dazu, wenn man die Macht besitzt, über Mischpultregler zu bestimmen und das Glück hat, mit seinen Gedanken Zigtausende Menschen zu erreichen.

Zurück zur Definition des Begriffs „Personality“: Für mich sind das Moderatoren, die gerne Geschichten erzählen, eine bildhafte Sprache haben, pointiert formulieren können und dabei die Menschen mit relevanten Inhalten gut unterhalten. Wenn Sie sich mit den erfolgreichsten und beliebtesten deutschen Moderatoren, also „Personalities“ mit nachweislichen Erfolgen – z.B. als langjährige Morgenshow-Moderatoren – beschäftigen, werden sie folgende Gemeinsamkeiten finden: alle leben in der Lebenswelt ihrer Hörer (oder betonen die Punkte, in denen sie die Lebenswelt der Hörer widerspiegeln), sprechen die Sprache der Menschen am Radio, sagen was diese denken (auch wenn sie sich damit gelegentlich weit aus dem Fenster lehnen) und lassen den Hörer am eigenen Leben teilhaben. Alle geben sehr viel von sich preis, alle lassen auch mal stark emotionale Momente zu und alle reiben sich ggf. an und mit ihren Co-Moderatoren. Sie haben Meinungen und äußern diese, sie polarisieren ein wenig und haben keine Angst davor, sie bedienen die klassischen Mann-Frau-Klischees und stehen dazu. Und sie nehmen sich selbst nicht zu ernst.

Im Wort „Persönlichkeit“ steckt das Wörtchen „persönlich“ drin.

Und das ist sicher eines der wichtigsten Kriterien für eine Radiopersonality: persönlich sein. Fast alle Breaks, an die ich mich nachhaltig erinnere, hatten einen persönlichen und/oder emotionalen Moment. In Erinnerung geblieben ist mir z.B. die Liebeserklärung eines Morningshowanchors an seine Frau nach der Geburt des ersten gemeinsamen Kindes oder – ebenfalls ein Break zum Thema Geburt – das Geständnis eines Radio 1 Moderators live on air nach der Geburt seiner Tochter drei Tage lang bei deren Anblick fast nur geweint zu haben.

Sicher, es gehört viel Mut dazu, so viel von sich preiszugeben. Wenn jemand nicht so weit gehen will: kein Problem! Aber das sind die Dinge – die zumindest für meinen Geschmack – eine Persönlichkeit mit ausmachen. Einer meiner öffentlich-rechtlichen Lieblingssender hat einige Moderatoren, die – für mein Verständnis – echte Persönlichkeiten sind. Weil ich gerne zuhöre, wie sie z.B. an den alltäglichen Dingen des Lebens Geschichten „aufhängen“ – zum Beispiel den Beitrag über eine „Beziehungs-Beendungs-Agentur“ an einer Co-Moderation der zwei Moderatoren (zwei Männer), die darüber geredet haben, wer von beiden ein „Schlussmacher“ und wer ein „Schluss-Gemacht-Werder“ ist. Die beiden haben ihre gesamten relevanten Beziehungen offenbart und zugegeben, dass sie meist zu feige waren, selbst Schluss zu machen … . Vermutlich hat die Mehrheit der männlichen Zuhörer Parallelen zum eigenen Leben feststellen können … .

Ein wichtiger Schritt vom „Moderator“ zur „Persönlichkeit“: ein Thema finden und persönlich aufziehen, das jeder nachvollziehen kann und möglicherweise in der einen oder anderen Form schon mal erlebt hat oder aus seinem eigenen Lebensumfeld kennt bzw. nachvollziehen kann. Etwas schwieriger ist schon der nächste Schritt, nämlich an die Grenzen des jeweiligen Formats zu gehen und auszutesten, was alles möglich ist – im Rahmen der Vorgaben und mit Respekt vor dem Hörer. Die meisten Formate erlauben deutlich mehr als Musicsells und Gewinnspielteasings. Ich freue mich immer, wenn ein Moderator einfach mal etwas anders macht. Zum Beispiel von seinem aktuellen Beziehungsstress erzählt und dann aus der Sendung raus seine Freundin anruft… . Klasse fand ich auch den jungen Mann, der live on air (es gab einen aktuellen Aufhänger) den nachfolgenden Moderator als „Sitzpinkler“ outete und mit ihm kurz über eine Diskussion über Weicheier, Frauenversteher und die letzte Männerdomäne begann. Wenn man nichts Persönliches preisgeben will: absolut o.k.! Aber ohne Persönliches – glaube ich zumindest – kann man keine Persönlichkeit werden.

Naja, und ein bisschen Mut gehört natürlich auch dazu. Man könnte sich ja eine Rüge des PD einfangen. Aber wer nichts ausprobiert, kann auch nichts Neues entdecken. Ich meine: Wer im Rahmen des Formats und mit Respekt vor dem Hörer persönlich ist und dabei seine Hörer gut unterhält, sollte statt Ärger mit dem PD eher Lob bekommen. Denn wer statt Songs anzusagen Menschen mit Themen aus deren Lebenswelt unterhält, nützt dem Sender. Und ich finde, jede Idee, die eine Sendung bzw. den nächsten Break noch besser macht, sollte erlaubt sein. Und natürlich muss man bei Talenten, die sich etwas trauen, als Programmchef etwas Toleranz zeigen (und manchmal starke Nerven haben). Denn natürlich gelingt nicht jeder Break. Auch die heute ganz Großen mussten schließlich auch mal anfangen, ihre „Gummigrenzen“ auszutesten und Dinge zu versuchen. Hauptsache mit Respekt vor dem Hörer.

Profitieren würden alle von mehr echten Persönlichkeiten: Die Sender, die Programmchefs und vor allem die Hörer. Und vielleicht sogar irgendwann die Gattung Radio!

Ihre Yvonne Malak

Erschienen am 03. Juni 2012 auf www.radiowoche.de.