Die 10 häufigsten Moderationsfallen (Teil 2)

radioWOCHE

11.03.2013 – Sie passieren selbst den größten Profis: Fallen, in die man als Moderator schnell man hineintappt, wenn man in Eile einen Break vorbereitet, mal eben ruckzuck kreativ sein möchte oder einfach in einer stressigen Situation schnell das Mikro aufmacht. Kein Problem, wenn man sie selbst erkennt und beim nächsten Mal zu vermeiden versucht. Vielleicht hilft es beim „Fallen-Erkennen“ zu wissen, was den Kollegen gerne mal so passiert…

Teil 2 der „10 größten Moderationsfallen“ möchte ich mit der Angst vor „dead air“ beginnen.

6) Die „keinen Mut zur Pause – Falle“

Eine der Top-Moderations-Sünden. Aus Angst vor „dead air“ rast man von einem Satz zum nächsten oder gar von einem Sinnabschnitt zum nächsten ohne eine hörbare (!!!) Pause zu machen. Dabei sind Pausen so wichtig – für den Gesamtsound der Show, die allgemeine Anmutung eines Moderators, das Verständnis der Inhalte durch den Hörer und für die Dramaturgie eines Breaks.

Zum Gesamtsound bzw. der Anmutung eines Moderators: eine Moderation ohne Pausen wirkt oft gehetzt und unsouverän. Die „großen“ Moderatoren haben es immer drauf, ganz cool und entspannt durch einen Break zu „surfen“ und ausreichend Pausen zu machen. Achten Sie mal drauf! Oder hören Sie sich diese Beispiele von einem der populärsten Radio- Moderatoren der Welt an, von Ryan Seacrest von KIIS FM, Los Angeles (siehe: Die 10 häufigsten Moderationsfallen (Teil2)).

I-c-h–l-i-e-b-e–P-a-u-s-e-n. Sie sind oft erst das Tüpfelchen auf dem i. Sie lassen Moderationen selbstverständlich wirken. Moderatoren, die bewusst mit Pausen arbeiten, wirken sympathischer als die, die rastlos durch ihre Breaks rasen. Moderatoren, die Pausen setzen, wirken souverän und vermitteln den Eindruck, „sie beherrschten ihre Show“ und nicht umgekehrt. Wer keine Pausen setzt, wirkt getrieben und oft so, als werde er durch seine Show beherrscht.

Übrigens: Pausen helfen auch Schnellsprechern! Ich habe kein Problem damit, wenn ein Moderator schnell spricht – solange er Pausen setzt. Wenn ein Moderator schnell spricht und das auch noch ohne Punkt, Komma und Pause, ergibt das genau diesen „aufgedrehten Privatradio Sound“, über den so gerne (zu Recht) gelästert wird. „Mach mal ne Pause“ ist auch einer der häufigsten Sätze, die ich in Airchecks sage… aus den genannten Gründen und folgenden weiteren: Pausen helfen dem Hörer, das eben Gesagte zu verstehen und zu verarbeiten. Sie geben dem Gehirn des Hörers das Signal: „Sinnabschnitt zu Ende, Sinn verdauen, neue Info aufnehmen“. Wie viel vom Inhalt eines Breaks bleibt hängen, wenn dieser Break drei Ideen hat und ohne Pause durchmoderiert wird? Wenn jemand keine Pause einbaut, wirken drei Sätze mit drei Ideen wie ein endlos langer Bandwurm-Satz und überfordern das Gehirn des Hörers, was zunächst durch das Gehirn mit Abschalten quittiert wird und dann im schlimmsten Fall durch den Finger des Hörers.

Und: Pausen machen Breaks erst dramatisch (siehe bzw. höre Ryan Seacrest). Was machen Theater- Regisseure, wenn sie innerhalb eines Stücks etwas unterstreichen oder dramatisieren möchten? Sie lassen die Schauspieler in Sprache (und Handlung) pausieren! Was machen begnadete Redner wie Martin Luther King? Pausen! Sie alle kennen die berühmte „I have a dream“ – Rede. Viele… Pausen. Was machen erfolgreiche Politiker wie Barack Obama, wenn sie den folgenden Satz besonders unterstreichen wollen? Sie setzen eine laaaaange Pause!

Barack Obamas Inauguration speech strotzt nur so vor Pausen (siehe: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=zncqb-n3zMo).

Was machen Comedians, bevor die Punchline kommt? Eine Pause. Mit anderen Worten: erst Pausen erzeugen vor einem Highlight die nötige Spannung und machen es be-merkens-wert und zu einem echten Hinhörer. Ich höre so oft gute Moderationen, die nicht nur „gut“ sondern „be-merkens-wert“ hätten sein können – hätte der Moderator an der entscheidenden Stelle eine Pause gemacht. Gerne auch eine lange!

Also: keine Angst vor „dead air“ – sie macht das Folgende erst interessant und im wahrsten Sinne des Wortes spannend. Pausen erzeugen Spannung.

Wir haben im Radio nur unsere Stimme bzw. unsere Sprache. Stimme bzw. Sprache sind alles, womit wir arbeiten können. Damit kommen wir zur nächsten Falle:

7) „Die Betonungsfalle“

Weil Stimme im Radio alles ist, weil hier Mimik und Gestik wegfallen, sind Betonungen umso wichtiger. Eine schwache Betonung macht gerne einen eigentlich sehr guten Break zu einem mittelmäßigen Break.

Wir dürfen uns nicht nur darauf konzentrieren, was wir sagen, sondern müssen immer ganz intensiv überlegen, wie wir es sagen. Das „WAS“ ist einfach beherrschbar, das „WIE“ entscheidet am Ende darüber, was wirklich beim Hörer ankommt, welcher Moderator wirklich im Ohr des Hörers hängen bleibt.

Meine persönliche Erfahrung: wenn ich selbst das Gefühl hatte, ein Break war einen Tick überbetont, war er genau richtig. Jeder muss natürlich selbst für sich herausfinden, welche „Betonungs-Intensität“ für die Wirkung seiner Moderation die richtige ist. Das geht nur durch Anhören, Anhören und wieder Anhören. Gerade am Anfang einer Moderationskarriere ist es hilfreich, sich jeden Tag seine Sendung anzuhören, sonst tappt man in die achte Falle.

8) „Die Passt-schon-Falle“

Es passt nie. Keine Sendung ist perfekt. Das ist das Brutale an dem Beruf des Radio-Moderators, aber auch die Herausforderung: es jeden Tag noch ein bisschen besser machen zu wollen. Dieses Quäntchen mehr Tag für Tag macht die Großen der Branche aus. Sie haben nie aufgehört, sich in Frage zu stellen, an sich zu arbeiten und sich Feedback zu holen, um auch noch an den kleinsten Stellschräubchen zu drehen. Der einfachste und preiswerteste Weg, Dinge besser zu machen ist, sich jeden Tag seine Show anzuhören. Und dann zu prüfen: wo klang ich wirklich gut? Was hat es ausgemacht, dass der Break gut klang, gut „rüber“ kam, inhaltlich klasse war, die Länge getragen hat, „gelebt“ hat etc.? Und dann dieses Gefühl, diese Herangehensweise versuchen, zu reproduzieren!

9) „Die Nachvollziehbarkeits-Falle“

Jeder von uns hat das schon beim Radiohören erlebt: der Moderator erzählt etwas und man versteht nur Bahnhof… Wenn ich ein Ranking der Sätze aufstellen würde, die ich am häufigsten bei Moderatorencoachings sage, gehört der Folgende garantiert in die Top 5: „Jeder Break muss für jeden Hörer zu jeder Zeit 100% nachvollziehbar sein“. Wir haben in jeder Minute neue Hörer. Eine Sendung ist wie eine lockere Party: ständig kommt jemand Neues dazu und immer wieder geht jemand.

Jeder Break zur aktuellen Major muss die Major nachvollziehbar erklären. Kurz aber nachvollziehbar. Wenn ich auf etwas Bezug nehme, worüber ich im letzten Break gesprochen habe, muss ich den Inhalt kurz zusammenfassen, um alle Hörer teilhaben zu lassen und wenn ich einen Gast in mehreren Takes interviewe, muss ich ihn in jedem Take neu einführen. Es gibt bei einem meiner Lieblingssender eine Radiosendung, in der regelmäßig Gäste über mehrere Takes interviewt werden. Eigentlich mag ich diese Sendung sehr. Aber wenn ich in diese Sendung reinschalte, sitze ich oft minutenlang vor dem Radio und hab keine Ahnung, wer da zu mir spricht und warum ich das jetzt interessant finden soll – weil der Moderator wie selbstverständlich davon ausgeht, dass jeder Hörer seine Sendung von der ersten Minute an gehört hat und automatisch auch 40 Minuten nach Beginn der Show weiß, wer da heute zu Gast ist. O.k, es ist ein öffentlich-rechtlicher Sender, da kann so was schon mal passieren (dieser kleine Seitenhieb sei mir vergönnt, ich habe schon so viel deutlich härtere Kritik am Privatfunk von öffentlich-rechtlichen Kollegen in aller Öffentlichkeit – nämlich in Programmen der ARD – ertragen müssen.

Und wie gesagt: ich bin eigentlich ein Fan von Moderator und Show!) Mit anderen Worten: Schließen Sie niemals einen Hörer aus. Das tun Sie aber, wenn Sie nicht in jedem Break zu jeder Zeit zu 100% nachvollziehbar sind.

10) Die „schlechter-Tag“-Falle

Jeder hat mal einen schlechten Tag. Andere Berufsgruppen können sich hinter dem Schreibtisch vergraben oder in die Werkstatt verkrümeln. Radiomoderatoren müssen auch an diesen „schlechten Tagen“ gut drauf und konzentriert sein. Mein Rat für schlechte Tage: auf die Basics beschränken, nur das Notwendige machen und nie versuchen, extra gut drauf zu sein. Letzteres geht garantiert in die Hose. Je nach Sender, Show und Mut kann es natürlich auch eine Idee sein, den Hörer am Grund für den schlechten Tag teilhaben zu lassen. Aber wie persönlich darf man sein, ohne zu privat zu werden? Das ist ein ganz anderes Thema für eine der nächsten „Top 10“ an dieser Stelle. Bis dahin gilt der wichtigste Grundsatz für Radioshows: Spaß haben!

In diesem Sinne: viel Spaß beim Moderieren.

Ihre Yvonne Malak

Erschienen am 11. März 2013 auf www.radiowoche.de.