Die 10 häufigsten Moderationsfallen (Teil 1)

radioWOCHE

12.02.2013 – Über Jahre hinweg Tag für Tag Stunde für Stunde eine gute Sendung abzuliefern, ist harte Arbeit. Ich darf viele ehrgeizige, fleißige, professionelle Moderatoren betreuen, die jeden Tag versuchen, den bestmöglichen Job zu machen. Und doch tappen auch die größten Profis immer wieder in dieselben Fallen. Die Häufigsten möchte ich hier zusammenfassen:

1) Die „Schleifen-Falle“

Die Top-Falle. Kommt in 8 von 10 Sendungen vor. Der Moderator kommt nicht direkt zum eigentlichen Thema, sondern dreht erst mal eine kreative Schleife …

Beispiel: „Wir alle lieben sonnige Wintertage mit weichem, weißem Neuschnee, aus denen sich wunderbare Schneemänner bauen lassen. Auf den Straßen allerdings kann der Schnee schnell zum Ärgernis werden. Gestern verwandelte zentimeterhoher Schneematsch in Berlin auch alle wichtigen Hauptstraßen in eine gefährliche Rutschbahn.“ Oder kürzlich gehört: Der Moderator spricht über Partnerschaftsvermittlungen im Internet, die schon viele glückliche Paare hervorgebracht haben, um dann über den Film „Der Schlussmacher“ zu einer Agentur für das Beenden von Beziehungen zu kommen.

Warum führe ich den Hörer, der mir seine wertvolle Zeit schenkt, zunächst über das Bild einer wunderbaren weißen Winterlandschaft mit Schneemännern zu etwas ganz anderem, nämlich gefährlichen Straßenverhältnissen durch ärgerlichen Schneematsch? Und wozu spreche ich erst über eine Partnervermittlung, wenn ich eigentlich über das Beenden einer Beziehung sprechen möchte? Wenn ich dann dazu noch drei weitere Infos bzw. Ideen in meiner Moderation, dem anschließenden O-Ton etc. habe, kann sich am Ende niemand mehr an alle meine Inhalte und meine Kernaussagen erinnern, weil ich den Hörer mit x Ideen in einem Break absolut überfordert habe. Ich habe meinem Break mit meiner Kreativität mehr geschadet als genützt. Ich bin ein Fan davon, direkt zum Thema zu kommen. Möglichst ohne Schleifen. Macht Breaks kürzer und sorgt dafür, dass die eigentliche Botschaft auch wirklich ankommt! Und führt den Hörer nicht erst nach rechts, um dann nach einer kurzen Rast vor dem Bild mit dem Schneemann nach links abzubiegen!
Damit sind wir bei der zweiten Falle:

2) die Bilder – Falle

Für mein Verständnis von Radionutzung zur Unterhaltung und schnellen Information am Morgen sowie als Tagesbegleitmedium gibt es kaum etwas, was so sehr überschätzt wird, wie das „Malen von Bildern“, das berühmte „Kino im Kopf“. Ich glaube, das berühmte Kopfkino springt dann automatisch an, wenn mein Lieblingsmoderator mir erzählt, wie er sich gestern mit seiner Frau über das Thema „überheizte Wohnung“ gestritten hat oder wie er am Wochenende mit seiner Tochter beim Hausaufgabenmachen über Mathe-Übungen der 9. Klasse verzweifelte. Da brauche ich nicht noch zusätzlich die große Showtreppe mit einem „akustisch gemalten Bild“. Die Kunst ist nicht, krampfhaft Bilder zu malen. Die Kunst ist, Bilder beim Erzählen entstehen zu lassen!

Ich finde „Bilder malen“ überbewertet und bin als Hörer jedes Mal genervt, wenn wieder der Klassiker – z.B. als Aufruf für die Verlosung eines Wellness-Tages – meine Zeit strapaziert; gerne untermalt mit übertriebener musikalischer Atmo: „… angenehme 25 Grad Raumtemperatur, Sie liegen auf einer watteweichen Liege, es duftet angenehm nach Lavendel, der Alltag ist weit weg, Sie überlegen, was Sie sich als Nächstes gönnen: Türkisches Dampfbad, Sauna mit Relax Aufguss oder eine entspannende Massage …“ Nein! Verschonung! Ich habe keine Lust und keine Zeit, am Morgen oder bei der Arbeit Bilder zu Dingen in meinem Kopf zu „malen“, die für mich an diesem Tag zu dieser Zeit nicht relevant sind. Ich persönlich halte diese Art von Moderationen für überbewertet und ebenfalls für falsch verstandene Kreativität. Klingt es nicht natürlicher, unaufdringlicher und vor allem sympathischer, wenn der Moderator denselben Preis locker, kurz und unaufdringlich beschreibt?

Weitere Falle beim „Pseudo-Kopf-Kino“: zu viele Bilder in einem Break. Kürzlich bei der Verlosung einer New York Reise gehört: „Sie mitten im Big Apple zum Weihnachtsshopping. Sie flanieren Sie über die 5th Avenue, rechts von Ihnen das berühmte Luxuskaufhaus Bergdorf-Goodman, links die Flagshipstores von Prada, Yves Saint Laurent und Armani. Vor Ihnen erstreckt sich der Central Park. Hinter Ihnen liegt das Rockefeller-Center mit üppiger Weihnachtsdeko und dem berühmten Riesen-Weihnachtsbaum. Überall stehen Straßenverkäufer und bieten exotische Spezialitäten an. Es duftet nach indischen Gewürzen und arabischen Fleischspießen …“ STOP. HILFE. Ich bin überfordert. EINE Idee, EIN Bild für meinen Kopf genügt völlig! Auch hier gilt eine meiner Lieblingsbotschaften für Moderationsbreaks: „Weniger ist mehr“.

Zusammenfassend: Die besten Bilder sind die, die automatisch entstehen, wenn ein guter Moderator eine gute Geschichte erzählt. Nicht jede kleine Idee verträgt ein Bild. Künstlich erzeugte Bilder erzeugen oft nur den Eindruck des „Aufgeblasenen“. Wir werden nebenbei genutzt, oft in hektischen Situationen wie am Morgen, wenn Hörerin Petra die Kinder für die Schule fertigmachen muss oder Hörer Peter verzweifelt auf der Suche nach dem Autoschlüssel ist. Und wenn schon Bilder, dann bitte nicht zu viele.
Damit sind wir bei der dritten Falle:

3) Die Kreativitäts-Falle

Ich liebe kreative Moderatoren. Vor allem dann, wenn die Kreativität dem Break nützt. Der Programmchef allerdings mag nicht: kreative Moderationen, wenn sie nur dazu dienen, dass sich ein Moderator selbst verwirklicht und kreativ um der Kreativität willen ist, aber nicht kreativ um der Senderziele willen. Die Frage bei jeder kreativen Idee ist:

A. nützt diese kreative Idee dem Break? oder
B. unterhält sie den Hörer? oder
C. verstärkt sie die Kommunikation eines Senderzieles, weil ich z.B. durch eine super Idee die Abwechslung in der Musik besonders gut verkaufe oder mit einer wirklich guten Idee auf ein Highlight der Morgenshow tease?

Trifft keiner der drei Punkte zu, ist auch hier weniger mehr. Es tut weh, sich von Ideen zu trennen. Jedoch – das habe ich kürzlich von einem jungen Drehbuchautor gelernt, der als Redakteur beim Radio gelandet ist – gilt für Schriftsteller und Drehbuchautoren eine Regel, die wir uns beim Radio oft auch zunutze machen könnten: „Kill your darlings“. „Kill your darlings“ war der Rat des Literaturnobelpreisträgers William Faulkner für Autoren und Filmemacher, mit dem er empfiehlt, die Ideen, in die man sich am meisten verliebt hat, als Erstes zu opfern, denn diese seien meist die schlechtesten. Siehe: http://www.talkingsquid.net/archives/32

4) Die Überleitungs-Falle

Ein von mir sehr bewunderter und respektierter Programm-Direktor hat zum Thema Überleitungen die beste Regel, die es dafür geben kann: Überleitungen sind verboten.

Das ist ein super Umgang mit Überleitungen, denn in 90% aller Fälle sind Überleitungen albern, klingen „krampfig“ und unauthentisch. Ausnahmen bestätigen zwar immer die Regel und wer eine wirkliche super Idee für eine Überleitung hat, soll sie machen. Ein Pauschalverbot erspart dem Hörer aber komische Drehs wie „Nach dem Dauerregen in Bayern steigen die Pegelstände von Donau, Inn und Salzach. Machen Sie sich nicht nass! Wir steigern den Pegelstand der Geldscheine in Ihrer Brieftasche mit unserem Spiel 10.000 Euro für 10“.

Auch gerne genommen und nicht minder peinlich sind Überleitungen zu englischen Songs. Obwohl ich dachte, die tragische Hintergrundstory zum Hit „I don’t like mondays“ – der Amoklauf einer amerikanischen Schülerin – wäre mittlerweile 100% aller deutschen Radiomoderatoren bekannt, höre ich doch jedes Jahr mindestens einmal den Dreh: „schon wieder so ein anstrengender Montag. Für alle, die das genauso sehen, hier der Song zum Wochenstart – die Boomtown Rats mit I don’t like mondays“. (Wer die Story zum Song nicht kennt, gerne hier nachlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/I_Don%E2%80%99t_Like_Mondays)
Damit sind wir bei der nächsten Falle.

5) Die Übersetzungs-Falle

Mit Übersetzungen Drehs zu Songs zu finden ist meistens albern. Der unter Punkt 4 erwähnte Programm-Direktor hat für seine Moderatoren auch für diese Herangehensweise eine einfache Regel ausgegeben: „Spielereien mit englischen Titeln sind verboten“ – ich finde, sie sind zu Recht verboten. Diese Spielereien klingen oft krampfhaft, unnatürlich und wenig sympathisch. Und oftmals tappen weniger erfahrene Moderatoren auch in Inhaltsfallen wie beim Beispiel der Boomtown Rats. Gerne irrtümlich hergestellte Verbindungen sind auch die Drehs zum Thema „Schnee“ beim Song „Snow“ von RHCP oder der fälschlich als allgemeines Geburtstagslied missverstandene Song „Happy Birthday“ von Stevie Wonder. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Besonders albern wird es aber bei Geschichten wie dieser kürzlich gehörten: „…. sie sieht einfach zum Anbeißen süß aus. Süß wird es jetzt auch bei Robbie Williams, er besingt Candy“

Die bessere Variante als eine Überleitung mit einer albernen Übersetzung ist nach meiner Erfahrung immer die Version „Punkt, Pause, neues Thema“. Heißt: Thema 1 beenden, einen deutlichen Punkt setzen und damit den Sinnabschnitt akustisch beenden. Dann eine Pause machen – gerne eine längere – und dann ohne Überleitung oder Übersetzung ganz einfach zum nächsten Thema.

Damit wären wir beim nächsten Punkt: der Angst vor der Pause. Diese Moderations-Falle sowie die Themen „Nachvollziehbarkeit“, „Betonungen“ und einige andere hebe ich mir für den zweiten Teil der häufigsten „Moderationsfallen“ auf.

Bis dahin zolle ich allen Moderatoren meinen Respekt. Denn ich weiß, dass jeder jeden Tag sein Bestes gibt. Und sich damit der Kritik von Zigtausenden Menschen aussetzt.
Das muss man sich erst mal trauen!

Ihre Yvonne Malak

Erschienen am 12. Februar 2013 auf www.radiowoche.de.