10 Kriterien für eine erfolgreiche Morningshow (Teil 2)

radioWOCHE

01.12.2011 – Es ist verdammt schwer, jeden Tag eine gute Morgensendung abzuliefern. Jeden Tag alles zu berücksichtigen, was zu einer unterhaltsamen Show gehört, dabei gleichzeitig die Senderstrategie zu berücksichtigen und auch noch die Kür zu beherrschen, und nebenbei spannend und abwechslungsreich zu teasen sowie die Major und dieselben Songs immer wieder neu und mit Leidenschaft zu verkaufen. Wir versuchen diesen Spagat zwischen perfekter Strategieverkaufe und lockerem Entertainment dennoch jeden Tag aufs Neue – weil die Morgensendung einer der entscheidenden Faktoren für langfristigen Erfolg oder Misserfolg eines Senders ist. In meinem Top-10-Kriterien für eine erfolgreiche Morgenshow habe ich letzten Monat über die Voraussetzungen im Team geschrieben und über die Wichtigkeit transparenter Persönlichkeiten mit Interessen und Charaktermerkmalen aus der Lebenswelt der Hörer, die mit kleinen Talks alltagsrelevante Themen abbilden und mit unterschiedlichen Meinungen Spannung erzeugen. Das alleine hinzukriegen, ist schon verdammt viel und wer das schafft ist schon verdammt gut.

Der Rest ist dann schon fast ein Kinderspiel – denn ein gutes Team schafft es spielend, die richtigen Themen auszuwählen, gut umzusetzen, emotional zu sein, wo es angebracht ist und natürlich die Sender-Basics ordentlich zu verkaufen.

6. Im September und Oktober habe ich ausführlich über effektive Redaktionskonferenzen geschrieben. Das ist die Grundvoraussetzung für das Finden der richtigen Themen.

Manchmal ergeben sich aus kleinen Erlebnissen der Morgenmoderatoren große Themen. Wie aus dem Erlebnis der Kollegin, die berichtete, sie sei an einem Fahrkartenautomaten der Bahn gescheitert. Wir hatten ja keine Ahnung, wie vielen Menschen sie mit dieser Geschichte aus der Seele sprach, wie viele lustige Erlebnisse von Hörern wir dazu senden konnten und vor allem, dass es wirklich Kurse gibt, in denen man das fach- und sachgerechte Bedienen eines Fahrkartenautomaten erlernen kann! Hätten wir dieses Erlebnis nicht ernst genommen, hätten wir auf ein unterhaltsames und relevantes Thema verzichtet.

Oder es ergeben sich Themen für die Show aus persönlichen Erlebnissen zwischen Männern und Frauen – ein unerschöpflicher Quell für Themen, die garantiert jeder kennt und Erlebnisse, die alle teilen können. Ich bin ein großer Fan von Mann-Frau-Themen! Nicht umsonst waren Bücher wie „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ samt der 4. Fortsetzung jahrelang auf den Bestsellerlisten. Nicht umsonst ist Mario Barth, der seine Programme zu 90% mit Mann-Frau-Erlebnissen gestaltet, einer der deutschen Top-Comedians, der sogar das Olympiastadion füllt.

Da ich auf diesen Punkt – Themen – ja bereits eingegangen bin, hier nur eine kurze Kontrollfrage für das Morgenteam, mit der sie ausschließen, ein Thema an den Hörern „vorbei zu senden“: „Ist dieses Thema wirklich unterhaltsam oder zu dieser Sendezeit an diesem Tag für die Mehrheit meiner Hörer relevant?“ Wenn weder der Unterhaltungsfaktor zutrifft, noch die Relevanzfrage, senden Sie stattdessen lieber Musik. Ihr Thema konkurriert nämlich mit der neuen Single von Lady Gaga beim Mitbewerber.

Das sechste Kriterium für eine erfolgreiche Morgenshow ist eine kreative Themenfindung mit Geschichten aus der Lebenswelt der Hörer, die entweder unterhaltsam sind oder zum gesendeten Zeitpunkt relevant. Eine gute Quelle für relevante Themen aus der Lebenswelt der Hörer sind nach meiner Erfahrung alle Themen, die sich rund um die klassischen Probleme zwischen Männern und Frauen drehen.

7. Und manchmal macht auch erst die Umsetzung ein Thema zu einem unterhaltsamen Thema.

Ein Beispiel aus der „Bild am Sonntag“. Als der Film „Sex and the City II“ in die Kinos kam, fand sich darin nicht etwa eine gewöhnliche kurze Rezession, sondern ein langer Erlebnisbericht, der seeehr lustig war. Denn er wurde geschrieben vom – so ein Teil der Überschrift – „größten Macho der Redaktion“. Genauso lustig war die Reportage von einer lokalen Sexmesse, zu der wir keinen „normalen“ Reporter geschickt haben, sondern die Morgenmoderatorin zusammen mit der Vormittagsmoderatorin und parallel den Morgenmoderator zusammen mit dem Nachmittagsmoderator. Beide Teams zu unterschiedlichen Zeiten an denselben Ständen – das ganze dann gegeneinander geschnitten: anders aber witzig.

Über die unterschiedlichen Standard-Varianten der Umsetzung habe ich an anderer Stelle bereits geschrieben. Hier nur kurz einige: Soundalike zum Thema, Umsetzung über eine Comedyfigur, Stunts statt Beiträge, Spiele statt Umfragen, etc.

Das siebte Kriterium für eine erfolgreiche Morgensendung ist die unterhaltsame Umsetzung der Themen.

8. Ich kenne wenige Moderatoren in Deutschland, die es wirklich drauf haben, emotionale Geschichten angemessen rüberzubringen. Aber das unterscheidet am Ende den „Morgen-Moderator“ von der echten, authentischen Persönlichkeit.

Haben Sie den Mut zu Emotionen! Das Leben ist nicht nur lustig und bunt, es ist auch traurig und emotional. Und weil wir in einer Morgensendung das ganze Leben widerspiegeln sollten, gehört auch dieser Aspekt – wohldosiert – in die Show.

Zur Hungersnot in Ostafrika habe ich viele Beiträge, Interviews, Geschichten im Radio gehört. Wirklich emotional angesprochen ohne kitschig auf die Tränendrüse zu drücken haben mich Zeuss und Wirbitzky (eigentlich die Spaßmacher des Südens!) bei SWR 3. Am Ende haben die beiden auch nur ein Interview zum Thema gemacht. Aber wie sie mich reingeholt haben (emotional), wie die Ansprechhaltung war (authentisch) und wie die Worte gewählt waren (ganz natürlich, unaufgeregt, in der Sprache eines „normalen“ Menschen, der eine Geschichte erzählt) – das alles zusammen hat den Unterschied gemacht.

Da ich viele Morningshows über Jahre begleiten durfte und darf, weiß ich, dass man das lernen kann! Dazu braucht es natürlich einen Programmchef mit dem Mut, auch mal „suboptimale“ Breaks zuzulassen und den Moderatoren die Möglichkeit zu geben, sich auszuprobieren – natürlich unter Anleitung und mit vorheriger Absprache. Ich weiß, dass ich mich mit diesem Vorschlag ganz schön weit aus dem Fenster lehne. Aber ein J. aus H., ein A. aus B. und wahrscheinlich aus Z. und W. aus dem Ländle sind auch nicht als Meister der emotionalen Breaks vom Himmel gefallen…

Das achte Kriterium für eine erfolgreiche Morningshow ist der Mut zu emotionalen Themen, zu Gefühlen on air. Das muss man sich trauen! Aber der Hörer, den sie einmal emotional berührt haben, wird sie nie wieder vergessen.

9. Ja, es macht Mühe. Und ja, es ist schwierig auch noch daran zu denken. Aber es macht Image für Ihre Show und schafft (hoffentlich) immer wieder neue Einschaltimpulse: kreatives, buntes Teasing über die gesamte Show hinweg. Vertikal, horizontal und gerne auch mal einige Tage im Voraus, wenn wir ein echtes Highlight vorbereitet haben.

Die meisten Morningshows teasen eindimensional. Immer schön auf das nächste Bit. Im Prinzip o.k. Aber welche Chancen, Sie damit verschenken!!! Sie verschenken die Chance, den Hörern um 7 Uhr zu sagen, das sie um kurz nach 8 bei der Arbeit etwas verpassen, wenn sie nicht Ihren Sender einschalten. Sie verschenken die Chance, das Image zu erzeugen, dass man diesen Sender eigentlich jeden Morgen den ganzen Morgen hören müsste, weil ständig etwas Spannendes passiert, Sie verschenken die Chance, noch mehr für Ihr Comedy-, Lokal-, oder Hit- Image zu tun, usw.

Alles ist teasenswert! Wäre es nicht teasenswert, würden wir es nicht senden!
Eine Personality-Geschichte ist genauso gut geeignet für ein Teasing („warum ich gestern tierische Krach mit meiner Frau hatte und am Ende im Keller schlafen musste – gleich“) wie eine Benchmark, die täglich stattfindet und von der wir mit unserer eingefahrenen Denke oft glauben, alle Hörer wüssten sowieso, dass gleich wieder „Der kleine Nils“ kommt. Ich finde es eine verschenkte Chance auf einen Einschaltimpuls, wenn ein Sender um 8 Uhr 20 Tickets für ein großes Konzert im Wert von 200 Euro verschenkt und nicht bereits ab 7 Uhr kurz hinweist. Natürlich verändert kein Hörer seinen Lebensrhythmus wegen zwei Konzerttickets oder einer lustigen Personalitygeschichte. Aber er verändert vielleicht, was er über uns denkt und darauf kommt es schließlich an!
Das alles sind nur einzelne Aspekte zum Thema Teasing, das so viele Facetten hat, das ich damit ganze Workshoptage fülle. In jedem Fall halte ich das Thema Teasing persönlich für so wichtig, dass ich dem sicher noch eine ganze Kolumne widmen werde.

Das neunte Kriterium für eine erfolgreiche Morningshow ist ein kreatives, gut geplantes und strategisch ausgerichtetes Teasing.

10. Hauptsache, Ihre Moderatoren haben Spaß!

Natürlich sind wir alles Profis und wir können auch an schlechten Tagen eine Show so klingen lassen, als hätten wir gerade den größten Spaß unseres Lebens. Aber ich behaupte: auf Dauer gewinnen die Shows, bei denen echter Spaß rüber kommt. Ich betreue eine Morningshow eines Senders, dessen Geschäftsführer (zu Recht!!!) gelegentlich mangelnde Strategie und Disziplin seiner Show bemängelt. Absolut verständlich und berechtigt. Dennoch lautet meine Erwiderung auf seine Einwände fast immer: „… alles nur halb so wild. Denn eines ist garantiert: wenn man diese Show einschaltet kommt echter Spaß rüber und alleine das macht gute Laune“.

Und das ist schließlich eines der wichtigsten Kriterien für die meisten Morningshows: sie sollen den Hörern Spaß und gute Laune machen!

In diesem Sinne: viel Spaß mit Ihrer Morningshow! Und bis nächstes Jahr, wenn wieder eine neue MA-Welle beginnt und wir wieder alles dafür tun, noch besser zu sein. Dafür wünsche ich Ihnen gutes Gelingen und viel Erfolg!

Herzlichst,
Ihre Yvonne Malak

Erschienen am 01. Dezember 2011 auf www.radiowoche.de.