10 Kriterien für eine erfolgreiche Morningshow (Teil 1)

radioWOCHE

01.11.2011 – Als Programm-Macher investieren wir das meiste Geld, die meiste Manpower, die besten Ideen in die Stunden zwischen 6 und 9 Uhr – keine andere Sendung ist für uns so arbeitsintensiv und so wichtig wie die Morningshow. Und das ist auch gut so.

Selbst strategisch gut innerhalb ihres Marktes aufgestellte Sender, die über Jahre hinweg gute Zahlen und ordentliche Gewinne eingefahren haben, aber nie eine wirklich erfolgreiche Morninghow anbieten konnten, erfahren den mit ihrer Strategie tatsächlich machbaren Erfolg erst, wenn auch der Morgen wirklich funktioniert. Andere Sender, die strategisch eigentlich schwächer sind als ihr Mitbewerber, sind erfolgreich, nur weil sie eine ansprechende Morningshow haben, die die Hörer morgens anspricht, fesselt, begeistert und jeden Tag wieder dazu bringt, diesen Sender einzuschalten.

So wichtig wie die Morgenshow ist, so gefährlich ist es, an dieser Stelle den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen und sich mit dem zufrieden zu geben, was man erreicht hat, während z.B. der Mitbewerber gerade ordentlich aufdreht. Oder Nachlässigkeiten der Morgen-Moderatoren im Tagesgeschäft zu übersehen und hinzunehmen. Ich betone das deshalb, weil ich genau das schon oft erlebt habe. Und auf Dauer hat Nachlässigkeit an dieser Stelle immer unangenehme Folgen.

1. Wissen Ihre Hörer genug über Ihre Morgenmoderatoren?

Sind diese transparente Persönlichkeiten, mit Eigenschaften, in denen sich der Hörer wiederfindet? Gerade als Morgenmoderator sollten wir der Freund des Hörers werden, deshalb müssen wir am Morgen auch großzügig mit unserem Privatleben umgehen und bereit sein, etwas davon und von unserem Inneren preiszugeben. Oder haben Sie Freunde, von denen Sie nichts wissen? Eben! Wenn ich von einem Morgenmoderator oder einer Morgenmoderatorin nicht mehr weiß, als dass sie oder er gerne Schokolade isst und einen Smart fährt, reicht das nicht. Hören Sie sich die dauerhaft (!!!) erfolgreichen Morgenshows an Deutschland an (das können auch Shows bei kleineren Stationen sein – man muss nicht immer auf die Großstadt- und landesweiten Sender schielen, um gute Morgensendungen zu finden). All diese haben eines gemeinsam: sie werden von echten Menschen moderiert, die transparent sind und bereit sind, viel von sich und ihrem Leben preiszugeben.

Erstes Kriterium für eine erfolgreiche Morningshow: transparente Persönlichkeiten, die bereit sind, etwas von sich und ihrem Leben preiszugeben und ihre Erlebnisse mit den Hörern zu teilen.

2. Bildet das Team möglichst viele Hörergruppen ab? Zum Beispiel den Hörer mit Familie genauso wie den Single?

O.k., wir können uns leider oft nicht das Traumteam bestehend z.B. aus dem „Familienvater-Anchor“ und der „Single-Co-Moderatorin“ backen. Aber wenn wir uns anstrengen, möglichst vielfältige und unterschiedliche Charaktereigenschaften zu finden und diese z.B. gezielt über Themen „einzufliegen“ und zu kommunizieren, können wir viel tun, um möglichst viele unterschiedliche Hörer- und Lifestylegruppen bzw. Sinusmilieus unserer Zielgruppe abzubilden. Bitte nicht zu viele unterschiedliche Punkte auf ein mal. Sondern am Anfang drei, vier Kernmerkmale, die später erweitert werden.

Extratipp: Machen Sie das zu einem Kriterium für Ihre Morgenshow-Airchecks! Fragen Sie Ihre Moderatoren nach der Show: „Was haben unsere Hörer heute über Euch erfahren? Welche Persönlichkeitsmerkmale habt Ihr heute kommuniziert?“

Zweites Kriterium für eine erfolgreiche Morningshow ist die Vielfältigkeit der Eigenschaften der Moderatoren, die möglichst unterschiedliche Hörerschichten abbilden sollten sowie eine gute Kommunikation dieser Eigenschaften.

3. Sind alle Möglichkeiten, die Hörerschaft abzubilden, ausgeschöpft?

Sind alle Crew-Mitglieder einbezogen? Bei einem Morgenteam, das ich betreuen darf, holen wir einfach den Newsanchor, der Familienpapa ist dazu, wenn es darum geht, ein Familienthema aufzumachen oder zu einem Familienthema eine persönliche Erfahrung on air zu bekommen. Bei einem anderen Morgenteam binden wir den Producer ein, wenn der z.B. zu einem Thema mal einen ganz anderen spannenden Aspekt einbringen kann, beispielsweise die Wochenendgestaltung eines schwulen Pärchens. Und apropos „schwules Pärchen“: seien Sie ruhig mutig, wenn Sie über Ihre Crew-Mitglieder unterschiedliche Aspekte einbringen – wie der Sender mit dem homosexuellen Producer…

Drittes Kriterium für eine erfolgreiche Morningshow: binden Sie möglichst viele unterschiedliche Charaktere ein, um möglichst viele Aspekte eines Themas zu beleuchten bzw. möglichst viele Hörerwelten abzubilden.

4. Finden echte Gespräche zwischen den Moderatoren statt?

Natürliche Dialoge, die sich mit den vielen kleinen Themen des täglichen Lebens beschäftigen. Und: sind die Hörer in diese Talks einbezogen? Nichts ist schlimmer als zwei oder gar drei Moderatoren, die dermaßen mit sich selbst beschäftigt sind, dass der Hörer „raus“ ist. Letzteres ist absolut kontraproduktiv und führt ganz schnell dazu, dass der Hörer den Sender wechselt…

Also: fördern Sie Gespräche über persönliche Dinge – natürlich immer mehrheitsfähig und aus der Lebenswelt der Hörer – aber achten Sie darauf, dass die Hörer nicht ausgeschlossen sind.

Die schönen Nebeneffekte dieser Dialoge sind vielfältig: man kann damit viele viele kleine tagesaktuelle Themen abbilden, ohne groß Arbeit investieren zu müssen. Man kann fast jedes Thema, das man in der Show transportieren möchte, über einen Crew-Talk „abfeiern“. Man kann Persönlichkeit fördern und Persönlichkeitsmerkmale kommunizieren.

Viertes Kriterium für eine erfolgreiche Morningshow: viele kleine, aber themenrelevante Talks unter den Moderatoren, die die Hörer nicht ausschließen.

5. Unterschiedliche Meinungen innerhalb eines Teams-

Kürzlich gehört: ein Morgenteam findet kollektiv einen Film super und regt sich gemeinsam über eine „dämliche Dokusoap“ auf. Schade eigentlich.

Meinungen sind zwar toll und wichtig für eine Morgensendung. Aber wenn ich mehrere Moderatoren habe, sind unterschiedliche Meinungen Pflicht! Natürlich soll sich niemand verbiegen, wenn es um Gewissensfragen geht und niemand muss sich pro Atomkraft äußern, weil die Anti-AKW Haltung im Team schon vergeben ist Aber schön wäre es schön, wenn es gegensätzliche Meinungen gäbe. Vor allem zu so banalen Themen wie einer Dokusoap oder einem Film. Unterschiedliche Meinungen erzeugen Reibung, Reibung erzeugt Spannung und all das ist deutlich unterhaltsamer und bildet deutlich mehr Hörermeinungen und Hörerwelten ab, als das kollektive Draufhauen auf eine „dämliche Dokusoap“.

Übrigens dürfen bei eingeführten Persönlichkeiten Meinungen auch ruhig mal provokativ sein. Hut ab vor dem Morgenshowanchor einer Show im Ländle, der sich zu sagen traute, dass er FÜR „Stuttgart 21“ ist. Er hatte ja eine Co-Moderatorin, die dagegen war und seine provokative Meinung aufgefangen hat! Das sind Shows, über die die Menschen sprechen.
Fünftes Kriterium für eine erfolgreiche Morgensendung: unterschiedliche Meinungen innerhalb eines Teams.

Transparente Persönlichkeiten mit Interessen und Charaktermerkmalen aus der Lebenswelt der Hörer, die mit kleinen Talks alltagsrelevante Themen abbilden und mit unterschiedlichen Meinungen Spannung erzeugen – das sind schon mal super Voraussetzungen für eine erfolgreiche Morgensendung!

Wenn dann auch noch die ausgewählten Themen Relevanz für das Leben der Hörer haben, gut umgesetzt sind, für Gesprächsstoff sorgen und die Basics wie Musikverkaufe, Teasing und Promotions in der Show stimmen, dann müssen sich Ihre Mitbewerber verdammt warm anziehen, auch wenn es nicht gerade Winter wird. Aber dazu beim nächsten Mal mehr!

Herzlichst,
Ihre Yvonne Malak

Erschienen am 01. November 2011 auf www.radiowoche.de.