Ein Plädoyer für die Kreativität

radioszene

09.03.2007 – Was braucht man, um über drei oder vier Stunden abwechslungsreich zu moderieren und seine Hörer zu überraschen? Ich behaupte: nur einen Musikplan und seine eigene Kreativität. O.k., ein funktionierendes Off Air Editing und ein Internetanschluss sind vielleicht noch hilfreich. Aber das genügt. Vorausgesetzt, man liebt seinen Job, kennt sein Sendegebiet und hat Lust, sich bei der Vorbereitung seiner Show Mühe zu geben.

Man muss sich einfach nur Gedanken machen, über die verschiedenen möglichen Herangehensweisen an einen Break, Musicsell oder Ramptalk – und sich verabschieden von der Herangehensweise „Sendernennung, Claim, Titelansage“.

Kürzlich im Hitradio meines Vertrauens: der Moderator kündigt die Songs der kommenden Stunde an. Aber nicht einfach so: er hat diese Moderation offensichtlich vorab aufgenommen und das File immer schneller laufen lassen. Ob Sie die Idee mögen, oder nicht: im täglichen 3- EB- Einheitsbrei war es jedenfalls eine Abwechslung und im täglichen Radio- Moderations- Klangteppich ist diese Idee auf alle Fälle aufgefallen.

Nehmen wir einfach mal…hmm… Beyoncé. Wie viele Varianten gibt es wohl, um – sagen wir ihren aktuellen Hit – anzusagen. Zum Beispiel kann ich versuchen, ein wenig Spannung aufzubauen und mir Infos aus dem Netz ziehen wie „Ich will die erste schwarze Frau sein, die einen Grammy, einen Tony und einen Oscar bekommt. Sagt die Frau, deren aktuellster Hit grade im CD Player liegt. Den Grammy für den besten R& B Song und den Tony als beste Musicaldarstellerin hat sie schon, an ihrem ersten Oscar hat sie bereits beeindruckend in dem Film Dreamgirls gearbeitet. Die Rede ist von Beyoncé…“

Oder ich ziehe ein lokales Ereignis heran, um einen Musicsell mal anders anzugehen. Beispiel: „In Karlsruhe dürfen die Läden heute erstmals länger als bis 20 Uhr geöffnet haben. Für alle Verkäuferinnen, die deshalb länger arbeiten müssen, Musik mit Energie zum Durchhalten. Hier ist Beyoncé…“

Oder ich beweise regionale Kompetenz und vergleiche die A 3 zwischen Nürnberg und Regensburg mit Beyoncé. Beide haben jedenfalls rasante Kurven.

Oder ich nutze eine aktuelle Nachricht, um mal einen anderen Dreh zur Musik zu kriegen: „Liebe Beamte in München – es tut mir echt Leid, dass Ihr jetzt doch keine Ballungsraumzulage bekommt. Das hat der Bundesgerichtshof gerade entschieden. Ich fühle mit Euch mit! Aber wenigstens habt’s Ihr einen gescheiten Radiosender im Ballungsraum München, jetzt mit einem der zur Zeit angesagtesten aktuellen Hits. Hier ist Beyoncé.“

Wenn ich überlege, welche Moderationen sich bei mir im Kopf festgesetzt haben, erinnere ich mich zuerst an Breaks, die einfach kreativ waren, bei denen jemand um die Ecke gedacht und eine witzige Idee umgesetzt hat, wie der Kollege mit dem aufgenommen File, das er schneller laufen hat lassen oder an Breaks, die mich berührt haben, weil sie besonders emotional und/ oder persönlich waren.

Was spricht dagegen, mal von sich selbst zu erzählen und z.B. von einem Erlebnis, das man mit einem bestimmten Song verbindet? Bringt man es gut rüber, klingt der Break auf alle Fälle authentisch und sympathisch. Wie z. B. diese Geschichte, die ich kürzlich bei einer Moderatorin gehört habe: „Es war das dritte Mal, das ich mit Peter ausgegangen bin. Er hat mich zum Robbie Williams Konzert im Tempodrom eingeladen. Und als Robbie diesen Song angestimmt hat, haben wir uns zum ersten Mal geküsst. Heute sind wir verheiratet und das ist nach wie vor unser Lied, hier ist Angels, Robbie Williams auf….“

Oder ich schaue mal nach, was die Jahrbücher meiner Stadt oder eine Chronik aus dem letzten Jahrhundert zu bieten haben und versuche, wichtige Ereignisse mit einem Musicsell zu verbinden. Zum Beispiel: „Im Sommer 1986 gewannen Boris Becker und Steffi Graf Wimbledon. Deutschland war im Tennisfieber und im Radio lief dieser Hit…“

Oder: „Erinnern Sie sich noch an den Jahrhundertsommer vor 4 Jahren? In Freiburg kletterte das Thermometer zum ersten Mal seit Beginn der Wetteraufzeichnungen auf mehr als 39 Grad im Schatten. Und es war der Comeback- Sommer für Kylie Minogue. Sie enterte weltweit die Charts mit Can’t Get You Out Off My Head“

Off Air Editings, aus denen man auch mal nur einen Schnipsel rausschneidet, um damit eine Moderation aufzulockern, O-Töne aus Filmen, die man beispielsweise im Showopener einsetzt, SFX, die helfen, Stimmungen zu unterstreichen oder ein witziger Ton aus der aktuellen „Wetten dass?“ Show – es gibt x weitere Möglichkeiten, seine Moderationen immer wieder anders und neu klingen zu lassen.

Sicher ist es nicht einfach, all das in der tagtäglichen Routine zu berücksichtigen. Aber man kann sich ja mal vornehmen, jeden Tag EINEN ganz besonderen Break pro Show vorzubereiten. Einen, der die Hörer wirklich überrascht!
Das alles ersetzt natürlich nicht die Pflichtübungen eines Tages- Moderators, der versuchen muss, den Hörern zu beweisen, dass er in ihrer Welt lebt, ihre Erlebnisse teilt und weiß, was sie beschäftigt. Aber es sind Varianten, die – gezielt eingesetzt – Abwechslung in eine Show bringen.

Die einfachsten und unaufwändigsten Hilfsmittel für mehr Abwechslung in Musicsells sind meiner Meinung nach: Tagesteilbezug unterbringen, Regionalkompetenz beweisen, Emotionen zeigen, mit Musikinfos arbeiten, relevante Ereignisse (aktuell, lokal, historisch) einbinden und – last but not least – kreativ sein.

Und dazu braucht man eigentlich nicht mehr als einen Musikplan, einen Internetanschluss – und Spaß an seiner Arbeit.

Ihre Yvonne Malak

Zuerst veröffentlicht am 09.03.2007 bei RADIOSZENE:
http://www.radioszene.de/news/myradio_mailbox_090307.htm