Quo Vadis Journalistenausbildung?

02.02.2019 – Wie sollte die Ausbildung junger Journalisten heute gestaltet sein und wie sieht sie in der Realität aus? Das wollte der DJV wissen und hat dazu eine Studie und ein Buch veröffentlicht. Für „Quo Vadis Journalistenausbildung“ (Springer VS, Wiesbaden 2019, Hrsg. Britta M. Gossel und Kathrin Konyen ) durfte ich den Teil über Privatradio beitragen. Hier ein Auszug:

Volontariat/ Journalistenausbildung aus Sicht des privaten Rundfunks

Stimmt das Bild vom klassischen Journalisten noch?
Wie sieht das Berufsbild eines Hörfunk- Journalisten heute und in den 2020er Jahren überhaupt aus? Was sind die Aufgaben? Welche Fähigkeiten sind erforderlich? Und vor allem: Wie dehnbar ist der Begriff „Journalist“?

Diese Fragen stellen sich im privaten Rundfunk zuerst – wie vermutlich in den anderen klassischen Medien ebenfalls – wenn es um die Beurteilung der Qualität der Ausbildung geht.

Das klassische Berufsbild „Journalist“ mit Aufgaben wie „Themen recherchieren“, „Texte schreiben und redigieren“, „Interviews führen“ oder „Beiträge bauen“ gibt es im privaten Hörfunk schon heute kaum noch. Allenfalls in der Nachrichtenredaktion. Aber auch dort haben Digitalisierung, Social Media, Apps, das sendereigene Online- Angebot und sich ändernde Nutzungsgewohnheiten der Konsumenten den Alltag eines Hörfunkjournalisten schon lange drastisch verändert. Vielleicht gibt es noch die eine oder andere „Insel“ in einem Lokalsender in Bayern oder NRW, wo Volontäre noch ausschließlich das Erstellen klassischer Beitragsformen vom Interview über die Reportage bis zum Feature erlernen, sowie das Texten von Nachrichtenmeldungen.

Die Realität sieht heute meist so aus, dass nur noch ein Bruchteil der Aufgaben der Mitarbeiter einer Hörfunk- Redaktion darin besteht, Informationen klassisch zu recherchieren und aufzubereiten. Geschuldet ist das auch immer härter werdenden Wettbewerbsmärkten und immer geringeren Aufmerksamkeitsspannen der (jungen) Konsumenten. Die nächste Generation der Radiohörer gibt einem Inhalt maximal sieben Sekunden Zeit, ihn in das Thema „reinzuholen“. Das erfordert anderes Denken und Arbeiten als in den 80ern, als das Privatradio in Deutschland laufen lernte und per se eine kleine Sensation war.

Privatradio für junge Talente = unendliche Berufsmöglichkeiten
Bei der Nachwuchsaktion www.wasmitradio.de, die die Radio- Trainerin Marina Riester und ich im Jahr 2016 mit Unterstützung der SLM, der Privatsender in Sachsen und der Radiozentrale in Berlin gelauncht haben, um mehr junge Menschen für Berufe im Radio zu interessieren, sind vor allem zwei Dinge aufgefallen: die meisten schätzen die Einstiegshürden höher ein als sie in der Realität sind. Und an den Unis, Hochschulen und Journalistenschulen ist überhaupt nicht klar, welch vielfältige Berufsbilder es im privaten Hörfunk gibt und welch unterschiedliche Bereiche ein Hörfunkvolontariat einschließen kann bzw. sollte. Viele Aspekte der Tätigkeiten in einem modernen Radiosender scheinen dort gar nicht bekannt zu sein. Ich selbst unterrichte an der HfM in Karlsruhe im Studiengang „Musikjournalismus für den Rundfunk“ und treffe jedes Mal auf erstaunte Studenten, wenn ich mit dem Marketing- und Promotionteil der Ausbildung „um die Ecke komme“. Kaum ein Student kann sich unter dem Begriff „On Air Promotion“ etwas vorstellen oder weiß gar, dass eine der wichtigsten Abteilungen im privaten Hörfunk sich ausschließlich mit diesem Thema beschäftigt.

Schwachpunkte der sender-externen Ausbildungsinstitute sind vor allem diese strategischen und Unterhaltungsbereiche eines Radiosenders (…) Über Marketingstrategien, Musikforschung und Musikplanung wissen nur wenige bescheid.

Leider gibt es immer noch zu oft monothematische Volontariate. Der Volontär wird beispielsweise als „Volontär Nachrichten“ eingestellt und bleibt zwei Jahre in der Nachrichtenredaktion. In der Ausbildung gibt es da vielleicht mal ein externes Seminar (auf das dann doch keiner so recht Lust hat, weil es an einem Samstag stattfindet oder freitags in der nächsten großen Stadt, von wo aus es mindestens zwei Stunden länger dauert, bis man im Wochenende ist), das war es dann meist.

Dabei ist eine umfassender Einblick in alle Abteilungen eines Senders der Schlüssel für eine zufriedenstellende Zukunft und eine Festanstellung. Wer nicht weiß, dass er Talent für strategisches und kreatives Texten hat, wird niemals „Leiter der On Air Promotion“; wer nicht erfährt, dass Musikplanung viel mit Mathematik zu tun hat, wird seine diesbezüglichen Fähigkeiten hier nie einbringen können. Und wer nicht ausdrücklich aufgefordert wird, sein Entertainment Talent auszuprobieren, wird nie der neue Star- Moderator der nächsten Nummer- Eins- Morgenshow.

Nur wenige Sender wie z.B. Radio Hamburg machen es in einem Volontariat zur Pflicht, alle Abteilungen zu durchlaufen und erlauben ihren Volontären auch Teilhabe an „Herrschaftswissen“ wie den Ergebnissen der strategischen Marktforschung oder eines Musiktests.

Was sollte also zur Ausbildung eines Volontärs im privaten Rundfunk gehören?
Zunächst die „Klassiker“. Wie das Auswählen und Gewichten von Nachrichtenmeldungen, natürlich das Recherchieren und Texten von Nachrichtenmeldungen, Einholen von O-Tönen, Gestalten unterschiedlicher Beitragsformen. Keine Frage. Man muss das wissen – auch 2019. Natürlich gehört Medienrecht zwingend dazu. Trimediales Aufbereiten von Inhalten, Befüllen der strategisch passenden sozialen Kanäle wird gerne gelehrt. Diese Bereiche werden in den meisten Sendern ausreichend abgedeckt. Unbedingt gehören Sprecherziehung und Stimmbildung in ein Volontariat. Beides wird meist angeboten, aber nicht überall ausreichend (mindestens zweimal im Monat).

Genauso wichtig und in vielen Ausbildungsprogrammen deutlich unterrepräsentiert sind folgende Bereiche:

Grundlagen der Moderation.
Wie baue ich eine Sendung auf? Welche strategischen Inhalte sind Pflicht, welche sonstigen Inhalte passen zu „meinem“ Sender und wie bereite ich diese für die betreffende Zielgruppe am besten auf? Unbedingt regelmäßige Airchecks (mindestens nach jeder zweiten Sendung) – manchmal gibt es viel zu wenig Feedback für die Volontäre.

On Air Promotion und On Air Marketing:
Wie funktioniert die strategische Ausrichtung eines Senders? Welche Tools helfen dabei? Wie textet man Elemente und Promos? Wie erstellt man eine strategische Promotion? Welche Tricks gibt es für Sales Promotions?

Musikplanung:
Wie stellt man eine Musikrotation zusammen? Wie interpretiert man Musiktests und was folgt daraus? Wie funktioniert eine Musikplanungssoftware?

Morningshow-Begleitung:
Was sind die Grundlagen für eine erfolgreiche Morgensendung? Wie kann ein Redakteur das Team optimal unterstützen? Wie findet man Themen für die Zielgruppe und welche unterschiedlichen Aufbereitungsformen gibt es? Kreativtechniken! Lineproducing. Produktion.

Verkauf (!!!):
Privatsender finanzieren sich zu 100% aus Werbeeinnahmen. Vieles davon wird über Sonderwerbeformen im Programm umgesetzt. Werbung nimmt genauso viel Programmplatz ein wie Nachrichten und Information. Will keiner lesen, ist aber so. Wie viele Verkaufstrainings und Sonderwerbeformen- Seminare bieten die Universitäten und Weiterbildungsinstitutionen an?

Anforderungen in der Realität vs. Angebote der Ausbildungsinstitute
Während die Landesmedienanstalten DABplus befördern wollen, bilden wir oft „nur“ in dem Bereich aus, der maximal 15% des Programms umfasst – nämlich Nachrichten und Information. Wenn DABplus aber funktionieren soll, braucht die deutsche Radiolandschaft aber vor allem Entertainment- Talente, Strategen (Stichwort „On Air Promotion“), Musikplaner für die unterschiedlichen, in DABplus möglichen, Nischenformate und „Redakteure“, die der wichtigsten Sendung des Tages zuarbeiten: der Morgenshow.

Höchste Zeit also – im Sinne der jungen Menschen und des Radios der Zukunft – die Ausbildung den Anforderungen (des Marktes) anzupassen.

In vielen privaten Sendern wird dem schon Rechnung getragen. Diejenigen Institutionen aber, die die Sender unterstützen sollen, z.B. die Weiterbildungs- Programme der Landesmedienanstalten sind noch nicht in der Realität angekommen. Die Angebote umfassen auch 2019 immer noch zu 80% Themen aus den Bereichen Nachrichten, Information und Social Media. Social Media ist hip, damit schmücken sich alle gerne, aber ein Grundlagenseminar zum Thema „Recherche mit Social Media“ reicht für eine moderne Ausbildung noch lange nicht aus. Die Weiterbildungsangebote der einzelnen Institutionen bilden eine der Hürden, die in dieser Studie angesprochen werden. Sie orientieren sich (noch) nicht am aktuellen Berufsbild eines Radio- Journalisten.

Radioausbildung für die Zukunft muss sich an der Realität orientieren
Zusammenfassend kann ich aus der Sicht eines „Privatradio- Machers“ sagen: Externe Ausbildungsangebote und Lehrinhalte an Hochschulen, Universitäten und privaten Institutionen gehen zu sehr am Bedarf der Sender bzw. eines modernen Privatradioprogramms vorbei.

Die Bandbreite der Berufe im privaten Hörfunk ist Außenstehenden weitgehend unbekannt.

Große Sender bieten mehr Lehrinhalte aber weniger Freiraum.

Kleine Sender können für Kreative eine große Chance darstellen. Volontäre sollten sich ihren Ausbildungssender daher genau aussuchen und überlegen, was ihnen mehr entspricht: eigenverantwortliches Arbeiten mit Freiräumen oder klare Lernkonzepte mit weniger Freiheiten.

Am wichtigsten ist allerdings aus meiner Sicht:

Das Volontariat von heute sollte mit dem Volontariat aus dem letzten Jahrtausend nichts mehr zu tun haben. Die Anforderungen haben sich geändert. Und der Begriff „Journalistenausbildung“ ist genauso überarbeitungsbedürftig wie die Ausbildungsinhalte vieler Anbieter.

Ihre
Yvonne Malak

Erschienen am 02. März 2019 auf www.radiowoche.de.