Die Radiosprechstunde: Von der Königsdisziplin des Moderierens

02.06.2020 Die Radiosprechstunde Beitrag von Manuel Weis – Die Dienstage im Juni gehören bei Quotenmeter.de Yvonne Malak. Die bekannte Radioberaterin widmet sich insgesamt fünf komplexen Radiothemen. Los geht es mit Wort im Radio. Warum es bei ihr die viel zitierte 1:30-Regel nicht gibt und warum die Bundesliga sehr gut in der ARD-Hörfunk-Konferenz aufgehoben ist, erklärt sie bei uns.

Sie ist eine der bekanntesten deutschen Radio-Beraterinnen. Yvonne Malak arbeitet seit Mitte der 80er Jahre im Radio. Sie wurde bekannt als Co-Moderatorin von Arno in der 104.6 RTL Morningshow im Berlin, wechselte dann als Programmchefin zu Radio Ton und als Programmdirektorin zu BB Radio. Seit 2006 berät sie diverse Radiostationen, darunter viele Marktführer wie rt.1 in Augsburg, und Radio Hamburg im Norden.

Wortbeiträgen im Radio hängt seit vielen Jahren die These nach, sie dürften niemals länger als 1 Minute 30 lang sein. Spätestens dann wäre die Aufmerksamkeitsspanne der Hörer erreicht und sie würden entnervt abschalten. Zu viel „Gelaber“ sei einer der absoluten Abschaltimpulse. Dabei sind es ausgerechnet Radioberater wie Yvonne Malak, die genau solche starren Regeln ablehnen. „Die 1:30-Regel gibt es bei mir nicht“, sagt die Radioberaterin klipp und klar. Ob ein Hörer einen Wort-Beitrag annehme und für gut befinde, hänge von ganz anderen Faktoren ab.

De facto gäbe es Wortbeitrage, für die schon eine Minute zu lang ist, genauso wie Comedys, die rund sieben Minuten dauern und funktionieren. Das Geheimnis dahinter: Einzig und allein die Relevanz. „Es geht nur darum: Wie relevant ist dieses Thema für einen ausreichend großen Teil meiner Hörer an diesem Tag um diese Zeit“, sagt Malak. Daran hätte nicht einmal die Coronakrise etwas geändert. In dieser hätten zahlreiche Musiksender sogar die Sendezeit von Nachrichtensendungen verlängert. „Ganz am Anfang der Coronakrise war sicher die reine Info wichtig. Aber als die Kerninfos durchkommuniziert waren, haben Infektionszahlen etc. deutlich weniger Interesse hervorgerufen und die Menschen wollten lieber wieder wissen, wie es z.B. anderen Menschen in dieser Situation geht, also weniger Information, mehr Unterhaltung“, weiß Malak.

Es seien in der globalisierten Welt vor allem die Geschichten mit Bezug zur eigenen Region nach denen sich der Radiohörer sehne, aber auch nur, dann wenn sie von einem Moderator als gute Story vorgetragen würden. Genau dieses Erzählen von Geschichten sei aber letztlich die Königsdiziplin des Moderierens – und bei Weitem nicht alle würden sie beherrschen. „Dann können also schon 30 Sekunden zu viel sein“, sagt Malak. Radio stehe hierzulande für das gute Gefühl der Heimat, für lokale Themen und Bezug zu dem, was vor der eigenen Haustür passiert – nicht umsonst würden die Menschen heute im Urlaub auf Teneriffa die heimische Lokalstation via App hören.

‘Das ist Radio von vor 30 Jahren und hat null Daseinsberechtigung‘

Auch vermeintliche Mainstream-Themen wie die Fußball-Bundesliga oder die Champions League sieht Malak nicht großflächig für’s Privatradio geeignet. „Wir wissen, dass selbst Spitzenspiele der Bundesliga nur rund 30 Prozent der Hörer wirklich interessieren. Für 70 Prozent ist das uninteressant und damit ein Abschaltfaktor.“ Daher seien Sport-Ergebnisse bestens im Nachrichten-Block platziert. „Für alles andere haben wir die ARD-Bundesliga-Konferenz, wo die Spielberichte prima aufgehoben sind.“ Ausnahmen bestätigen die Regel: Bei sehr emotionalen Sportthemen und Gegebenheiten zum Beispiel mit direktem lokalen Bezug seien Wortbeiträge durchaus lohnenswert. Ähnliches gelte für den Bereich Kino. Malak könne die Stationen nicht verstehen, die (vor Corona-Zeiten) noch jeden Donnerstag zwei bis drei Kinofilme besprochen haben. „Das ist Radio von vor 30 Jahren und hat heute null Daseinsberechtigung. Im Schnitt geht der Deutsche 1,5 Mal pro Jahr ins Kino. Der Hamburger vielleicht zwei Mal, der Berliner drei Mal. Das heißt auch: Auf dem Land in Bayern sind wir bei 0,5 Besuchen pro Jahr.“ Lediglich in Ausnahmefällen wäre hier ein Wort-Beitrag angebracht – bei Blockbustern wie dem neuen «James Bond» oder aber, wenn der Moderator eine sehr persönliche Verbindung zum Film hätte und hierüber seine Personality oder eine persönliche Empfehlung einbringen könne.

„Wenn in der Arbeit das Radio läuft und sich mehrere Kollegen auf einen Sender einigen müssen, dann wird meistens der Kanal gewählt, der die beste Musik spielt.“
Yvonne Malak, Radioberaterin

Allgemein gelte zu beachten, dass die Hörer sich nicht tot gequasselt fühlen. Es käme immer wieder vor, dass Marktstudien besagen, dass man es mit dem Wortanteil übertrieben hätte. In einem solchen Fall wären Programmaktionen mit vielen Hits nonstop gute Regulatoren, um entsprechenden Negativ-Images entgegenzuwirken. Viel Musik würde sich zudem auch für Sendungen eignen, die besonders am Arbeitsplatz gehört werden. Zahlreiche Studien besagen, dass gute und viel Musik vor allem am Vormittag gefragt sei. „Wenn in der Arbeit das Radio läuft und sich mehrere Kollegen auf einen Sender einigen müssen, dann wird meistens der Kanal gewählt, der die beste Musik spielt“, sagt Malak. Das sei die Aufgabe für die Radiostationen – bei der Arbeit ein Programm anzubieten, auf das sich möglichst viele Kollegen einigen können.

Argument gegen den Sonntag-Vormittag-Talk

Weniger empfehlenswert für Privatsender seien hingegen reine Talkshows – zahlreiche Stationen setzen etwa am Sonntagvormittag zur Frühstückszeit auf die Promi-Interviews. „Sie hängen zu sehr vom Gast ab. Wenn Barbara Schöneberger Günther Jauch zu Gast hat, dann ist das super. Wenn in einer anderen Talkshow aber zum Beispiel eine weniger bekannte Schauspielerin zu Gast ist, die über Frauenrechte redet, ist das für Viele kein Grund zum Dranbleiben. Radio aber ist ein Mehrheits-Medium.“ Und vor allem für das Privatradio gilt, dass Inhalte mehrheitsfähig sein müssten. Anstelle der sonntäglichen Frühstücksrunden mit Promis würde Malak den Sendern eher empfehlen auch am Wochenende auf eine Art Morning-Show zu setzen, die zeitlich gesehen aber bis in den Vormittag läuft und den Unterhaltungsaspekt in den Vordergrund stellt. „Je nach Musikformat, etwa für klassische AC-Stationen, könnte man sonntags auch Musik-Specials anbieten,“ meint Malak.

Erschienen am 02.06.2020 www.quotenmeter.de – Die Radiosprechstunde Beitrag von Manuel Weis