Die 5 Phasen einer neuen Show – Von ersten On Air Dates und dem weiteren Kennenlernen

01.12.2018 – Eine der schönsten Seiten meiner Tätigkeit ist das Arbeiten mit jungen Talenten. Vor allen Dingen mit den Superkreativen – mit denen, die gleich von Anfang an alles wollen.

Dabei gehen Moderationspersönlichkeiten und Morningshowteams durch
ähnliche Phasen wie junge Paare vom Kennenlernen bis zur festen Bindung
oder wie neue Freunde von der ersten Begegnung als Bekannte bis zum
gemeinsamen Kochen Zuhause als enge Freunde.

Ich will mit einem Negativbeispiel beginnen. Seit einiger Zeit
arbeite ich mit einem wirklich begabten Moderatorenteam, das trotz allen
Talents bei seinen Hörern einfach keine ausreichende Beliebtheit
erlangen will. Warum? Weil die beiden es gründlich versaut haben, einen
guten ersten Eindruck zu machen. Sie sind gleich mit der Tür ins Haus
gefallen und haben es mit unkonventionellen persönlichen Details und
Haltungen geschafft, bei ihrer Zielgruppe in einem ländlichen,
konservativ geprägten Gebiet in Sachen Sympathie
„durchzufallen“. Eine einzelne exzentrische Geschichte oder Haltung
hätten die Hörer dem Team vielleicht verziehen, möglicherweise auch zwei
oder drei. Aber nachdem das Publikum mehrfach Dinge gehört hat, die zu
schräg, zu grenzwertig oder zu privat für den Anfang waren, haben große
Teile der Hörerschaft diesen beiden keine weitere Chance gegeben, ihre Herzen zu erobern.

Sie sind neu on air? Dann machen Sie es besser!

Phase 1 – der erste Eindruck.
Es ist wie im richtigen Leben – man bekommt keine zweite Chance für
einen ersten Eindruck. Im Erstkontakt entscheidet sich die Sympathie.
Also, liebe Moderatoren: genau wie bei der Schwiegermutter gilt im
ersten Vierteljahr, beim Ersthörer einen möglichst „guten“ ersten
Eindruck zu hinterlassen. Bzw. überlegen, wie – mit welchen
Eigenschaften und Charaktermerkmalen – man wahrgenommen werden will…

In dieser Phase ist die Musik der größte Star der Show, gefolgt von
ausgewählten Benchmarks, die die strategische Ausrichtung der Show
spiegeln. In der Kommunikation der Charaktermerkmale gilt auch hier:
weniger ist mehr. Wofür wollen Sie stehen? Wie wollen Sie wahrgenommen
werden? Beschränken Sie sich auf die vier, fünf wichtigsten Merkmale.

Phase 2 – man lernt sich kennen.
Auch hier gilt, den Charakter vor allem durch die feststehenden
Programm-Elemente zu zeigen. Noch haben Sie sich nicht stark genug „in
die Herzen der Hörer moderiert“, um (öfter bzw. stark) polarisieren zu
können. Ergänzen Sie die wesentlichen Charaktermerkmale um kleine
Besonderheiten oder Schwächen (kann sich bei Schokolade nicht
beherrschen, kauft öfter mal sinnlose Gadgets via Teleshopping) und
denken Sie an die Schwiegermutter… in der Kennenlernphase mit der
Schwiegermutter reden Sie wahrscheinlich auch nicht über Po-Tattoos und
Ihre Vorliebe für Fetisch-Partys.

Phase 3 – weitere Annäherung.
Nach einigen Monaten zeigt man etwas mehr von sich, feinere Merkmale,
mehr Details aus dem Leben, kleine Geschichten. Vielleicht auch das eine
oder andere schräge Detail. Wenn man das gut macht und den Hörer damit
in seiner Lebenswelt „trifft“, beginnt man „sich in die Herzen der Hörer
zu moderieren“ und landet in

Phase 4 – Sympathie.
Die Hörer fangen an, einen zu mögen. Bis es soweit ist, kann aber
durchaus ein Jahr oder mehr vergehen. Jetzt ist der Moderator „im Herzen
der Hörer angekommen“ und kann (endlich) seine schrägen Seiten zeigen.
Auch die Jugendsünde des Ernie-und-Bert-Tattoos kann in dieser Phase
gebeichtet werden, ebenso wie die Vorliebe für polarisierende Dinge wie
schnelle Autos.

Phase 5 – Einschaltgrund.
Jetzt wird der Moderator (oder die Morgenshow) zu einer Marke. Die Hörer
entscheiden sich nicht mehr für den Sender Z 100, sondern für die Elvis
Duran Show. Sie entscheiden sich nicht mehr wegen der Musik und der
Benchmarks für eine bestimmte Show, sondern wegen des Moderators bzw.
der Persönlichkeiten. Gerade bei Morgenshows gilt jetzt: der Sender kann
sein maximales Wachstumspotential ausnutzen. Denn nun wird die
Morgenshow auch (ca. 20 Prozent) Hörer haben, die die Musik „ertragen“,
obwohl sie sie nicht mögen, die aber die Show keinesfalls vermissen
wollen.

Bis ein Moderator oder eine Morgenshow in Phase 5 angekommen ist,
sollten Sie ca. ein bis zwei Jahre einkalkulieren. Das ist scheinbar
eine lange, anstrengende Zeit. Aber nur scheinbar. Denn erstens wird die
Mühe belohnt werden. Und zweitens: in Wirklichkeit geht so ein Jahr
doch rum wie nix…q.e.d.
In diesem Sinne: ein wunderbares Jahresende und einen gesunden und fröhlichen Start ins neue Jahr!

Ihre
Yvonne Malak

P.S.: Das alles klingt für Sie zu verkopft? Das Negativ-Beispiel aus
dem Einstieg ist eine ganz aktuelle Geschichte… mit ungewissem Ausgang
für die Besetzung der Show.

Erschienen am 01. Dezember 2018 auf www.radiowoche.de.